Yaldas Final-Fantasy-Fictions



The Greatest Treasure

~Die Straßen von South Figaro

Viele Menschen denken, Reichtum ließe sich an Geld ausmachen, an Schätzen, Ländereien, Macht und Ansehen. Es sind die einfachen Menschen, die ein einfaches Leben führen, hart arbeiten und nur das nötigste zum Leben haben. Sie träumen nachts von großen Schlössern, von reich gedeckten Tafeln, von Ballsäalen, von hunderten von Dienern, von Silbergeschirr, Seidenbettwäsche, von Ritterturnieren und von Burgfräulein.
Nie im Leben kämen sie auf die Idee, Reichtum an etwas anderem auszumachen – denn wenn sie verstünden, was wahrer Reichtum ist, so würden sich ein scheues Lächeln auf ihre schmutzigen Gesichter legen – und sie wären glücklich.
Der junge Mann, der dies dachte, war groß, schlank, sauber und gut gekleidet. Er passte absolut nicht in das von Dreck und Fischabfällen überquellende Hafenviertel von South Figaro. Er stach aus der Menge der stinkenden, schmutzigen und zerlumpten Arbeiter hervor, lehnte an einer Mauer am Kai und starrte auf das gerade auslaufende Schiff.
Es war eine Handelskogge, gefüllt mit Erzen und Kohle, die sich einer dicken, weiß gekleideten Dame gleich aus dem Hafen schleppte.
Das Schiff nicht aus den Augen lassend schlurfte der Mann, der hier nicht hinzugehören schien die Kaimauer entlang, bis er auf einen mürrisch drein blickenden, vollkommen betrunkenen Seemann stieß.
„War das das letzte Schiff?“ fragte er, immer noch auf das Hafenbecken starrend.
„Ja, mein König, das letzte. Gestahl wird zufrieden sein.“
„Ich hoffe es.“ murmelte er, halb zweifelnd – halb verzweifelnd.
Er fühlte sich viel zu jung, um König zu sein. Viel zu jung und viel zu einsam.
Doch es gab sonst niemanden mehr, der seinen Platz hätte einnehmen können.
Sabin vielleicht. Doch der war fort.
Er selbst, Edgar war es gewesen, der ihm ermöglicht hatte, Figaro zu verlassen – er hatte sogar betrogen, um seinem Bruder eine Freiheit zu ermöglichen, um die er ihn beneidete.
Frei sein. Dachte er. Freiheit ist viel mehr wert, als alles, was ein König je besitzen wird.

Nachdenklich gestimmt machte er sich auf den Rückweg. Seine blonden Haare, die er zu einem schluderigen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, wippten auf und ab.
Die Kiesel knirschten unter seinen Stiefeln und vom Hafen dröhnten Stimmen zu ihm herüber. Grölende, schreiende, brüllende und kreischende Männer- und Frauenstimmen.
Trotzdem hörte er es. Jemand verfolgte ihn! Er verlangsamte seine Schritte und lauschte den Geräuschen.
Das leise, kaum hörbare Geräusch von raschelndem Stoff, den Klang von nackten Füßen, die über das Pflaster tapsten. Dann noch ein leises Klimpern – etwas Geld vielleicht, oder billiger Schmuck.
Und er roch den Verursacher dieses seltsamen Geräuschkonzertes. Zwar war es schwer, in dieser nach altem Fisch stinkenden Gasse überhaupt noch etwas zu riechen, aber doch nahm er den schwachen Geruch war. Wer auch immer dort hinter ihm herschlich roch nach Wüste.
Nach Sand, nach Oasen, nach einer Handelskarawane. Nach teueren Gewürzen. Nach Kamelen, nach großen Zelten aus blauem Leinentuch. Was angesichts der Tatsache, dass Figaro größtenteils Wüstenlandschaft war keinesfalls verwunderlich war.
Und doch roch er noch nach etwas anderem. Nach Stahl, Eisen, Maschinen, Öl. Nach dem Empire.
Und nach der Fremde. Nach Ländern, die Edgar noch nie bereist hatte, nach Städten, von denen er nicht mal gehört haben mochte.
Nach Seeluft und Schiffen. Kurz, sein Verfolger roch nach jemandem, dessen Lebensinhalt es war, durch die Welt zu reisen.
‚Ein Zigeuner.’ dachte Edgar. ‚Oder ein Dieb. Oder vielleicht beides zusammen, wer weiß?
Jedenfalls ist sicher, dass er mir folgt – und das er etwas von mir will und es bekommen wird, wenn ich nicht vorsichtig bin.’
Ihm war die Gefahr bewusst, in der er schwebte. Zwar war er im Kampf nicht unerprobt, doch gegen einen Hinterhältigen Angriff ist selbst der beste Krieger nicht gewappnet.
Trotzdem hatte Edgar das, was er von seinem Verfolger bisher wahrgenommen hatte, neugierig gemacht.
Die Chance war zwar mehr als gering, aber vielleicht hatte er sogar etwas von Sabin gehört?
Vorausgesetzt, dass Sabin dem tiefen Drang der Figaros – nämlich immer und überall auffallen zu müssen- gefolgt war.
Und wenn nicht, war der mysteriöse Schatten, der hinter ihm herhuschte vielleicht für ein wenig Smalltalk zu gebrauchen.
‚Sollte er sich allerdings als ein krimineller Massenmörder herausstellen’, dachte Edgar, ‚schreie ich einfach nach der Wache.’
Und mehr Gedanken machte sich der junge König nicht, sondern lächelte, als ihm eine leichtsinnige Idee durch den Kopf schoss, seinen Verfolger zur Rede zu stellen.
Er blickte einen Augenblick auf die Unzähligen Hauseingänge, die halb im Schatten lagen.
‚Das könnte klappen!’
Unvermittelt bog er in die nächste Seitengasse und rannte los, so schnell, dass sein Verfolger – wenn er ihn nicht verlieren wollte – ebenfalls rennen musste.
Tatsächlich beschleunigten sich das Tapsen, das Rascheln und das Klimpern.
Edgar jedoch drückte sich lautlos in einen der Hauseingänge und als ihm ein Luftzug voller Fremder Gerüche entgegenwehte, hielt er sich bereit.
Sein Verfolger bog um die Ecke, Edgar streckte sein Bein aus, der Fremde stolperte, verlor sein Gleichgewicht, taumelte – und ein gezielter Schlag von Edgar, der ihn am Rücken traf, gab der Gestalt den Rest.
Mit einem dumpfen Geräusch prallte er auf den Boden, wo er reglos liegen blieb.

Für einen Moment starrte der König von Figaro erschrocken auf das Bündel Mensch, was dort im Staub lag und eine Sorgenfalte hatte sich auf seine Stirn geschlichen. Aber nur für einen sehr kurzen Augenblick.
Edgar war nicht bereit, auf diesen alten Trick hereinzufallen. So fest hatte er nun doch nicht zugeschlagen!
Ein Simulant wahrscheinlich. Oder ein Weichling.
Vorsichtig stupste er den Fremden mit der Spitze seines rechten Stiefels an, denn sich herunterzubeugen wagte er nicht- er hatte zuviel von den Tricks der Zigeuner gehört.
Die Gestalt stöhnte auf. rollte sich langsam auf den Rücken, wollte sich aufrappeln – doch Edgar postierte schnell seinen Fuß auf dem Brustkorb des – wie sich herausstelle, jungen und viel zu mageren Mannes.
Stumm musterte er seinen Fang.
Die blaue Hose war zerrissen, und bestand unter den Knien eigentlich mehr aus Luft als aus Stoff. Das Hemd war vielleicht irgendwann mal weiß gewesen. Jetzt war es grau, voll von merkwürdigen Flecken, deren genaue Herkunft der junge König Figaros eigentlich gar nicht kennen lernen wollte. Um den Hals baumelte eine dünne Silberkette, mit mehreren Anhängern, die nicht so ganz zu der Gestalt passen wollte – wie so vieles nicht.
In diesem zerfledderten Aufzug steckte ein junger Mann, groß, braungebrannt, schlaksig, dreckig und mit Schrammen und blauen Flecken nur so übersäht.
Seine Augen waren bernsteinfarbend und hätten sich – jedenfalls nach Edgars Meinung – viel besser in dem Gesicht einer hübschen Frau gemacht.
Umrandet wurde das trotzig dreinblickende Gesicht von einer wilden Haarmähne, die sich scheinbar nicht bändigen ließ und dem Jungen andauernd ins Gesicht fiel.
Die Haarfarbe jedoch machte Edgar stutzig.
Lange überlegte er, ob sich nicht noch ein anderes Wort fände – doch er fand keines und blieb daher bei seinem ersten Eindruck.
Silber.
„Und du bist…?“ fragte Edgar, konnte den leicht amüsierten Unterton in seiner Stimme nicht verstecken.
Sein Gegenüber – besser – Gegenunter richtete sich vorsichtig auf, nahm eine Sitzende Position an. Und schwieg.
„Nun, du kannst es dir aussuchen: Entweder du redest jetzt ein bisschen mit mir, oder ich stecke dich in den Kerker von Figaro Castle und lasse dich dort verrotten, ganz gleich, was deine Beweggründe gewesen sein mögen. Ich mag es nicht, wenn man mir hinterher spioniert, also hoffe ich, du hast so etwas wie eine vernünftige Erklärung.“
Wieder keine Antwort.
„Ich nehme an, du weißt, wer ich bin.“
Ein Nicken.
„Und du weißt auch, was ich mit dir tun könnte.“
Wieder ein Nicken.
„Was ich gerade tue, ist dir eine Chance zu geben, vielleicht noch mit heiler Haut davon zu kommen. Also tu lieber was ich dir sage – oder stell fest, was es heißt, den König von Figaro wütend gemacht zu haben. Was willst du von mir?“
„Nichts.“ krächzte der Junge. Seine Stimme klang, als hätte er sie lange nicht mehr benutzt.
„Nichts? Soso.“ Edgar lachte verächtlich auf. „Du machst dir also die Mühe und verfolgst mich durch halb South Figaro – wegen NICHTS? Ein bisschen viel Aufwand, oder?“
Der Angesprochene starrte beschämt zur Seite.
‚Ein schlechter Lügner!’ stellte Edgar resignierend fest.
„Fangen wir noch mal von Vorne an. Ich bin Edgar, König von Figaro. Und wie ist dein Name, wenn ich fragen darf? Oder haben deine Eltern vergessen, dir einen zu geben? Soll vorkommen – üble Geschichte, ich weiß.“
„Locke.“ murmelte der Mann schließlich.
„Hm Locke also. Ungewöhnlicher Name. Noch nie gehört. Woher stammst du?“
Keine Antwort.
„Aha. Faszinierend. Jetzt noch mal, WAS willst du von mir?“
„Nichts. Habe ich bereits gesagt.“
Langsam wurde es Edgar zu bunt. Er hatte genug von dem komischen Kauz.
„Mich interessiert aber, was du von mir willst.“ sagte Locke schließlich.
„WAS?“ Edgar starrte den Mann verblüfft an.
„Jetzt reicht es aber! Das ist nur wieder so ein dummer Zigeunertrick! Soll ich die Wachen rufen?“
„Ich wüsste nicht, wozu das gut sein sollte.“ Lockes Gesichtsausdruck änderte sich zu einem amüsierten Lächeln. Er war nicht dumm, natürlich war ihm klar, wer vor ihm stand und was er mit ihm machen könnte, wenn er wirklich sauer werden würde….
Andererseits hatte er sich noch nie sonderlich gut mit Autoritätspersonen verstanden – und wer konnte schon behaupten, den König von Figaro nach Strich und Faden verarscht zu haben?
Eben.
„Wozu das GUT SEIN KÖNNTE?“ fauchte Edgar. „Du wirst gleich ein großes Problem bekommen, dazu ist es gut!“ Darauf folgte zorniges Gestammel was unter anderem Wörter wie „Kerker“, „einsperren“ und „nie wieder ans Tageslicht“ enthielt.
Nun gut, Locke hatte verstanden. Jetzt wurde es langsam brenzlig – und sich einfach verhaften lassen, konnte er nicht. Jetzt nicht, nein. Wenn er es gefunden hatte, d

nn vielleicht. Dann konnte er sich solche Scherze erlauben.
Aber jetzt stand zuviel auf dem Spiel.
Wenn er schnell genug handelte und Edgars Überraschung ausnutzte dann….
Doch der König schien so oder so von ihm die Nase voll zu haben und zog seinen Fuß zurück.
Locke krabbelte aus dem Staub und klopfte sich vorsichtig den Dreck aus den Kleidern.
Edgar hingegen hatte nach seinem Wutausbruch gründlich überlegt – Locke hatte zu wenig getan, als das man ihn hätte für irgendetwas einsperren können – es sei denn, Edgar würde auf seine königliche Würde bestehen und sich eine Haarsträubende Geschichte aus den Fingern saugen.
Aber dazu hatte er weder Lust noch die nötige Phantasie.
„Nun gut. Von mir aus geh – aber solltest du es noch einmal wagen, hinter mir herzuschnüffeln wirst du nicht mehr so leicht davon kommen. Und jetzt geh. Verschwinde.“
Locke ließ sich das nicht zweimal sagen und stürzt

davon, während Edgar einen Augenblick unschlüssig stehen blieb.
‚Eine interessante Begegnung.’


~Figaro Castle

Inmitten der Wüste ragte Figaro Castle wie ein hässlicher Klotz in den Himmel. Es sah von weitem hässlich aus und von nahem noch viel hässlicher.
Der einzige Grund, warum Edgar sich hier aufhielt war der, dass es sein zuhause war.
Es war zudem auch der Ort, an dem er als König zu sein hatte. Und zuletzt war es auch der Ort, dem er am liebsten den Rücken kehren würde.
Es war der langweiligste Ort, den man sich vorstellen konnte. Sah man aus dem Fenster, sah man die Wüste. Sah man nicht aus dem Fenster, sah man gelangweilte Leute, die aus dem Fenster sahen oder ebenfalls nicht aus dem Fenster sehen wollten.
Man war furchtbar höflich zueinander, und wenn man gähnen musste, so tat man es dezent – möglichst so, dass man nicht gelangweilt erschien.
Ein paar Hofdamen saßen in Thronnähe, warfen dem König immer wieder schmachtende Blicke zu und fächelten sich Luft zu.
Auf der anderen Seite saßen einige Berater, die nur darauf warteten, dass Edgar seinen Hormonen unterlag, sich auf eine der Damen stürzte, sie schwängerte und – ach ja, irgendwann zwischendurch vielleicht auch noch heiratete.
So wollten es die ungeschriebenen Traditionen.
Edgar hingegen beachtete seinen „Harem“ gar nicht, sondern gähnte wieder dezent und fühlte sich schuldig, dass er hier saß und sich langweilte, während anderenorts die Leute ihr Leben im Kampf gegen das Empire ließen.
Wie gerne wäre er in den Kämpfen mit dabei, wie gerne würde er gegen das Empire in die Schlacht ziehen. Stattdessen kroch er Gestahl in den Hintern, nur um sein Volk vor dem Krieg zu schützen.
Heute jedoch wurde seine Langeweile jäh unterbrochen.
Ein Wächter kam unsicher in den Thronsaal gestolpert, konnte vor lauter Aufregung nur „Dieb – Schatzkammer – festgenommen und Kerker“ von sich geben.
Mit einem Mal war der Thronsaal voller verwirrter Stimmen. Die Damen fächelten sich aufgeregt Luft zu, tuschelten oder fielen elegant in Ohnmacht, während die anwesenden Herren fast synchron aufgesprungen waren, mit der Hand am Schwertgriff.
Edgar erhob sich in einer einzigen, fließenden Bewegung aus dem schweren Stuhl.
‚Wahrscheinlich er.’ dachte er, fast mitleidig.
„Ich kümmere mich darum.“ rief er über die Köpfe im Thronsaal hinweg.

Der Kerker von Figaro Castle war wie immer gut gefüllt. Diebe gab es zu genüge, oftmals waren es Plünderer, die die Karawanen aus Narshe überfielen.
Edgar ging an den heruntergekommenen Gestalten vorbei, die ihn verhöhnten, beschimpften oder versuchten, ihn anzuspucken.
Der Kerkermeister hatte sich einen langen Spieß geschnappt und versuchte, die Bande im Zaum zu halten.
Am Boden der hintersten Zelle lag eine zusammengekrümmte Gestalt.
„Das ist er, mein König!“ erklärte der Kerkermeister.
Edgar nickte. Tatsächlich Locke.
„Bring ihn in ein anderes Zimmer, ich will mich mit ihm unterhalten.“
„Aber mein König, er ist gefährlich!“
„Und? Ich bin es auch, wenn man mich verärgert!“ zischte er.
Diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstand der Mann.
Nur wenige Minuten später wurde Locke in ein Besprechungszimmer eine Etage höher gezerrt und dort auf den Boden gedrückt.
Die Wachmänner hielten ihn fest gepackt, als wäre er in der Verfassung gewesen, sich in irgendeiner Art und Weise zu wehren.
Das war er jedoch nicht, im Gegenteil. Die Wachposten der Schatzkammer waren sehr gewissenhafte Männer und führten ihre Arbeit tadellos aus.
Sie hatten den Jungen derartig zusammengeschlagen, dass er kaum noch alleine stehen konnte.
„Ihr könnt gehen.“ sagte Edgar an die Wachen gewandt, versuchte einen furchtbar gelangweilten Tonfall hinzubekommen.
„Aber mein König…“
„Geht!“ rief er nun streng. Die beiden Wachleute zuckten zusammen, verbeugten sich und verließen hastig den Raum.

„Nun, Locke – du erinnerst dich doch daran, was ich dir beim letzten Mal gesagt habe, oder?“
Langsam machte er einen Schritt auf ihn zu.
Locke hielt den Blick gesengt, hockte zusammengekauert auf dem Boden.
„Ich mag es im Übrigen nicht, wenn man mich anlügt. Also – was willst du von mir?“
Einen Augenblick war es still, man hörte nur das gepresste Atmen des Jungen.
„Nichts.“ sagte er schließlich wieder.
Edgars Blick wurde finster. Ehe er realisierte, was er gerade tat, schnellte seine Hand hervor, packte den Jungen am Kragen und schüttelte ihn mehrfach.
„NICHTS?“ brüllte er schließlich.
Locke starrte ihn aus weit aufgerissenen, verschreckten Augen an.
Er röchelte, die Luft blieb im weg und die Tränen schossen ihm in die Augen.
Dann bemerkte Edgar, was er gerade tat und ließ – von seinen eigenen Aktionen überrumpelt sofort los. Locke sackte in sich zusammen, schwieg, während Edgar mit seiner Fassung rang.
„NICHTS? Jemand bricht in meine Schatzkammer ein und behauptet NICHTS von mir zu wollen?“
„Es war nichts drin, was ich hätte brauchen können.“ gab Locke schließlich kleinlaut von sich. Edgar starrte ihn mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und dumpfer, geistiger Abstinenz an.
„Haha.“ machte er schließlich. „Mal abgesehen von den Millionenschweren Kronjuwelen, dem Goldschatz und dem Diamantenschmuck, was? Wieso gibst du es nicht einfach zu: Du bist ein DIEB!“
„Nein.“
„Wohl.“
„Ich bin kein Dieb. Ich bin ein Schatzjäger.“
„Das ist das gleiche.“
Der Junge verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ist es nicht.“
„Doch. Es klingt vielleicht ein bisschen vornehmer, aber es ist das gleiche- Schatzjäger heißt: Mensch, der Schätze jagt – unabhängig davon, ob sie schon jemandem gehören oder nicht.“
„Ich suche aber nicht irgendeinen Schatz. Das, was ich suche – hast du nicht.“ Und sein Gesichtsausdruck sagte deutlich „Ätsch“
„Und was suchst du?“ fragte Edgar, inzwischen schon ziemlich gereizt.
Locke drehte trotzig den Kopf zur Seite.
„Geht dich nichts an.“
Edgar seufzte. Locke war nicht nur ein Lügner, sondern auch ein Dickkopf. Vielleicht hatte er sich derartig in sein Lügenmärchen verstrickt, dass er es inzwischen selbst glaubte.
„Hm, tja, dann kann man wohl nichts machen. Ich werde dem Richter in South Figaro schreiben – bei einer derartig eindeutigen Beweislage wird kein Prozess nötig sein – aber immerhin ein Urteil.“
„Wieso machst du dir dann überhaupt die Mühe?“ zischte Locke.
„Warum sollte ich es nicht tun? Jeder Kerkerinsasse hat immerhin das Recht auf ein faires Gerichtsurteil.“
„Ich dachte, das Empire hat Fairness nicht nötig!“
„Figaro gehört aber nicht zum Empire. Figaro ist Figaro.“ Edgar fühlte sich ein wenig gekränkt. Das geschah viel zu oft. Nur weil er dem Empire die Abgaben zahlte und ihm nicht den Krieg erklärt hatte, warfen die Leute ihn gerne in einen Topf mit Gestahl und Kefka.
„Fragt sich nur, wie lange noch.“ sagte Locke kühl.
Edgar zog die Stirn in Falten. „Allerdings, das ist die Frage.“
Locke schwieg überrascht.
„Ich krieche dem Empire nicht zum Spaß in den Hintern. Im Augenblick ist Figaro in keinster Weise für einen Unabhängigkeitskampf gerüstet. Ich würde nur sinnlose Menschenleben vergeuden für ein Ergebnis, was die Situation der Menschen verschlechtern würde.“
„Du würdest dem Empire den Krieg erklären?“
„Wenn ich die Chance hätte – ja, sofort.“
„Warum erzählst du mir das?“
Edgar sah ihn stutzig an. Ja doch, eine gute Frage.
„Nun, ich erzähle das jedem, der es hören will.“ fasste er sich schließlich wieder. „Bisher waren das herzlich Wenige.“
„Oh, war ich vielleicht sogar Person Nummer eins?“ grinste Locke und konnte es sich nicht verkneifen, weibisch mit den Wimpern zu klimpern.
„Nein, es gibt jemandem, dem ich es schon viel eher erzählt habe.“
„Ah, die große Liebe deines Lebens, verstehe.“
„Ja doch, in gewisser Weise.“ sagte Edgar leise. Dann ging er mit schnellen Schritten auf die Tür zu und rief nach den Wachen.

Nur wenige Minuten später saß Locke wieder in der Zelle, mit dem Rücken an die kalte Steinwand gelehnt und auf der Suche nach einer Position, in dem ihm nichts wehtat.
Das Wachpersonal von Figaro hatte ganze Arbeit geleistet – Sein Bauch glich einem einzigen, blauen Fleck. Aber immerhin hatten sie ihn mit nicht Scharfem angegriffen.
‚Ich Idiot!’ tadelte er sich selbst. ‚Großartig! Ich werde nie das Tageslicht wieder sehen, wenn der Richter von Figaro auch nur ein Fünkchen Verstand hat. Natürlich…Was soll der König auch denken? Oh, ein Schatzjäger? Na dann ist das was anderes! Sie dich nur in Ruhe um – und nachher trinken wir uns einen heißen Kakao – oder was bitte?’
Und nicht mal einen kleinen Hinweis hatte er gefunden!
Dabei war er sich ganz sicher, dass Figaro Castle genau der Ort war, an dem ein solcher, mysteriöser Schatz aufbewahrt werden konnte.
Mindestens genauso verwirrt war er jedoch über das Verhalten eines gewissen Königs.
Warum band er jedem dahergelaufenen Spinner seine Abneigung gegen das Empire auf die Nase? Das konnte auf Dauer doch gar nicht gesund sein!


Edgar stand inmitten seiner Schatzkammer. „Das was ich suche, hast du nicht…“ murmelte er in Gedanken versunken.
Was?
Was hatte er nicht?
Jeder halbwegs vernünftige Dieb – oder – wenn es denn unbedingt sein musste – Schatzjäger – hätte sich beim Anblick der Reichtümer nicht darum gesorgt, was Figaro Castle NICHT hatte – sondern sich hastig die Taschen voll geschaufelt und wäre dann abgezogen.

Die Befragung der Wachen hatte ergeben, dass Locke nur den Blick durch den Raum hatte schweifen lassen und sich keinen Millimeter bewegt hatte.
‚Es muss also etwas großes sein, was man sofort sieht.’ Mutmaßte Edgar. ‚Sonst hätte er sich ja durch die ganze anderen Sachen wühlen müssen.’
Eine Rüstung vielleicht. Oder eine drei Meter große Goldstatue.
Er wusste selber nicht ganz, was er hier eigentlich tat. Er suchte nach etwas, von dem Locke gesagt hatte, dass er es nicht hätte – aber warum?
„Was ich suche, hast du nicht…“ murmelte er wieder.
„Und was ich suche…..habe ich auch nicht. Aber was ist es…?“


Es war eine Aktion, gegen jede Logik, das wusste er, als er an diesem Abend nochmals die Treppen zum Kerker hinab stieg.
Er hatte den Richter extra schnell rufen lassen und bereits das fertige Urteil in der Hand.
Locke lehnte gegen das Gitter und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Hatte der hochwohlgeborene König von Figaro etwa Sehnsucht nach mir?“ spöttelte er.
Edgar warf ihm einen giftigen Blick zu und hielt ihm dann das Urteil des Richters von Figaro unter die Nase welches – wie Edgar eingestehen musste – eigentlich nur ein Alibi war, um noch mal mit dem jungen Dieb – Verzeihung – Schatzjäger zu sprechen.
Hastig riss Locke den Umschlag an sich und überflog das Papier.
Der Richter von Figaro hatte ihn schuldig gesprochen, einige Schlaue Paragraphen zitiert und dann das Urteil beigefügt.
Locke war erstarrt. Seine Augen bewegten sich nicht mehr, stierten auf das Blatt, als wollten sie es durchbohren.
Edgar beobachtete ihn mit einer eigentümlichen Kombination aus Sorge und Misstrauen – und einem kleinen Hauch Schadenfreude.
„Wie es aussieht, kann ich mich hier jetzt wohnlich einrichten.“ knurrte Locke.
„Tja dann – Willkommen auf Figaro Castle.“ flötete Edgar.


Yalda 2004




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