Cuthalion: Superhelden

Silentsigh: Manfred

Cúthalion: Der Poltergeist

Collier - Lady Godiva

Der Poltergeist
(oder: Die Fabel vom Springen über den Graben)


Akt eins.



Clamitas war einer jener Menschen, deren Schicksal einem selbst ohne ihr Zutun nahe
ging; gleichzeitig aber, ohne dass speziell ihm etwas wirklich Außerordentliches
widerfahren wäre. Trotzdem erschrak es mich immer wieder, wie er schweigend Kälte und
Regen ertragen konnte. Wir trafen uns das erste Mal im Spätsommer. Ich will nicht sagen,
dass ich ihn dort kennen lernte, denn dies machte sein Wesen unmöglich; und doch gelang
es mir – aus meiner Sicht – eine schmale Brücke zu errichten, als wir unter den
Ziegelsteinarkaden am Rande des Marktes redeten. Damals war ich gerade Schüler des
städtischen Alchimisten geworden, ein großes Glück, gedachte man meiner unvorteilhaften
Kindheit. Clamitas musste so alt wie ich gewesen sein, zumindest seine Hülle; am Anfang
war vielleicht sogar sein Geist, wie ich im Ganzen, eben erwachsen geworden. Unter den
Arkaden, ab und an von einem nicht ganz so warmen Lufthauch erfrischt, konnte ich ihm
entlocken, dass er auf einem Gehöft gearbeitet hatte und nun auf der Suche nach einem
Lebensunterhalt war. So zufällig, wie unser Gespräch begonnen hatte, erwähnte ich darauf
hin, dass ein Mann namens Evellerius seit kurzem einen Adlatus suchte. Dieser Evellerius
war in seiner Profession wohl einzigartig, vielleicht im ganzen Land. Hauptsächlich war er
eine Art Jäger, spezialisiert auf lästige Käfer, Wespen, mitunter auch Mäuse – aber auch
Diebe, namenlose Ungetüme und sogar Geister erklärte er für sein Fachgebiet. Jetzt, da ich
kurz noch einmal über ihn nachdenke, kommen mir viele Facetten dieses Charakters in
den Sinn. Evellerius war eine mittelgroße, an Gesicht und Händen alt und kränklich
wirkende, aber dennoch kräftige Gestalt. Seine hellgrauen, mitunter silbrig-glänzenden
Haare fielen ihm in den Nacken oder standen leicht vom blassrosafarbenen Kopf ab. Der
Kontrast zu seinem gebrechlich wirkenden Äußeren waren seine Augen, die sowohl grau,
schwarz als auch zuweilen gelb waren. Und wahrscheinlich wusste nicht einmal er selbst,
ob sein Blick dämonisch oder neugierig war; in jedem Fall lauerte er ständig unter seinen
Brauen. Das Volk war davon entweder primär fasziniert oder schlicht nicht abgeschreckt,
denn Evellerius hatte meist immer zu tun. Der Leser soll sich demnächst sein eigenes Bild
machen, welche Folgen dieser meiner Handlung mir auch zur Last gelegt werden können
und welche anderen Personen. Auf jeden Fall dankte mir Clamitas auf seine ruhige Art für
meinen Vorschlag. Ein Unbehagen lies er damals nicht erkennen. Vielleicht hatte er bis
dahin noch nie von einem Evellerius gehört (damals erklärte ich nur kurz dessen
Gewerbe), vielleicht war es ihm auch völlig gleich. Unter den Arkaden, beim Betrachten
des sonnengefluteten Marktes, schien selbst mir keine Gefahr in dieser Richtung zu liegen
– und ich fühlte mich wohler, dass ich ihm geholfen hatte. Nach ein paar Wortwechseln
mit eher belanglosem Inhalt gab ich mir selbst das Versprechen, regelmäßig seine
Erfahrungen anzuhören, sei es, weil ich auch ein wenig an Evellerius interessiert war oder
weil ich einfach fürchtete, dass Clamitas nichts über sein Leben festhalten würde. Ich
verabschiedete mich und teilte ihm mit, dass ich in genau einer Woche wieder die Arkaden
aufsuchen würde.
Wenige Tage später unternahm ich mit meinem Magister eine Tagesreise zu einem
größeren Dorf am Fuße der Berge. Dort gab es, wie ich mich erinnere, einen Sammler und
Händler von Mineralien und Kristallen, auf jeden Fall war es Teil meiner Ausbildung, zu
ihm zu fahren – und dies nur als Exempel für die liebevolle Zuwendung, die mir »mein«
Alchimist entgegenbrachte. Doch das Dorf blieb mir in Erinnerung, da ich dort meinen
neugewonnen Freund, wenn man ihn so nennen will, zum zweiten Mal sah. Ich weiß
nicht, ob ihm meine Gegenwart aufgefallen war, denn er eilte mit seinem typischen Blick,
der dort noch mehr verstört denn düster war, durch die Straßen und steuerte das Gebäude
eines höher gestellten Kaufmannes an. Seine Kleidung war nun mehr bürgerlich als die
Tracht, in der ich ihn zuerst angetroffen hatte, jedoch war der Anblick kontrastreich
genug. Mir wurde ein kurzer Alleingang gestattet, so dass ich vorsichtig beobachten
konnte, wie er im Hof mit einer jungen Frau zusammentraf, die ihn mit einer schwer zu
schildernden, verhaltenen Herzlichkeit begrüßte. Die Gesichter konnte ich nicht klar
ausmachen, dafür waren meine Augen damals schon zu schlecht, aber das Verhältnis der
beiden war weder kennzeichnend verwandtschaftlich, noch sah es nach Liebe aus (in
Anbetracht der Verhältnisse ein Unding, wie ich mir dort dachte); eine simple Freundschaft
jedoch wollte mir – wie von einer unsichtbaren Macht verhindert – nicht einleuchten. Als
wir die Pferde für den Heimweg bestiegen, verwunderte mich, wie Clamitas wohl
hergekommen sein mochte. Mit unseren von einem gönnerhaften Adligen geliehenen
Tieren hatten wir bei überdurchschnittlichem Reisetempo etwa vier Stunden gebraucht. Er
konnte selbst kein Reittier haben, war er also schon seit der Nacht unterwegs gewesen? Mit
der Zuversicht, dass sich das alles bald aufklären würde, verfiel ich wieder in meinen
gewohnten Alltag.
Genau eine Woche nach unserer ersten Begegnung unter den Ziegelsteinarkaden
traf ich Clamitas wieder. Der Himmel war bedeckt und wir standen uns eine Weile
schweigend gegenüber; ich war nicht sicher, ob ich in seinem eher müden Gesicht einen
Vorwurf wegen meiner kleinen Spionagetätigkeit erkennen konnte oder sollte. Nachdem
ich ein Gespräch anfangen konnte, erzählte er mir, dass er sich bei Evellerius gemeldet und
den Posten als Gehilfe und Schüler bekommen hatte. Eine Euphorie hatte ich bei ihm schon
nicht erwartet und dennoch erschütterte mich seine Gleichgültigkeit gegenüber diesem
Glück, zumindest tat es das damals. Der Lohn war gut ausreichend und doch – ein wenig
Begeisterung bezüglich der ihm gezeigten Waffen und Werkzeuge lies er erkennen. Was
Evellerius selbst anging, so hielt er sich recht bedeckt. Die geistigen und physischen
Fähigkeiten dieses Mannes mussten wohl beachtlich sein, aber mein Gefährte schien mein
zuvor geschildertes Unbehagen nicht zu teilen. Um in eigenem Interesse die Angelegenheit
mit der jungen Frau zu klären, richtete ich unser wie gewohnt eher trockenes Gespräch
auf zur Sache verwandte Themen wie Freund- und Liebschaften. Ich vermochte es nur,
ihm ein paar allgemeingültige Meinungen zu entlocken – und doch war mir, als sähe ich
eine Veränderung in ihm; ich ging auf Gedeih und Verderb in die Offensive: »Wie sieht es
bei dir aus? Hast du jemanden...?« Seine Reaktion, ein melancholisch-ironischer Blick, war
vorhersehbar und vernichtend, aber mit einem kleinen Zusatz hielt er mein Interesse
sogleich wach: »Traust du mir so etwas zu?« Nun war der ironische Blick die Antwort von
mir. Seine Gewandtheit beeindruckte mich jedoch, eingedenk seiner Herkunft (und tut es
noch heute). Er hatte, ohne lügen zu müssen, den Eindruck einer Verneinung vermitteln
wollen. Freundschaftlich führte ich meinen Plan weiter: »Zuzutrauen ist das jedem
Menschen.« Ab da verfiel er wieder in seine pausenreiche Redeweise, aber ich
schlussfolgerte für mich – ohne kindliche Schadenfreude oder sonstige negative
Intentionen – dass er mit der Materie nicht so unvertraut gewesen sein muss, wie er mich
glauben machen wollte. In meiner damaligen Art, Gedanken und Szenarien
weiterzuspinnen, hatte ich für Clamitas schon bald eine märchenhaft-unglückliche
Liebesgeschichte zusammengezimmert. Aber vielleicht denke ich das nur jetzt, im Wissen
der Dinge, die noch kommen sollten.
Die Ereignisse der nächsten Wochen, des Herbstes und frühen Winters, kann ich
aus damaligen und späteren Gesprächen zumindest grob umreißen. Wir beide erhielten
eine offenbar recht gründliche Ausbildung, obwohl die seine sicherlich immer ein wenig
reizvoller war. Immer wenn er mir die Funktion einer gewissen Tierfalle oder Waffe
erklärte – die Übergänge konnten fließend sein – zeigte er zumindest ein wenig
Enthusiasmus. Auf meine Nachfrage zeigte er mir im Verborgenen den Gebrauch einer
Armbrust und während solcher Stunden wirkte er relativ normal, aufgeschlossen, für seine
Verhältnisse sogar gut gelaunt. Was das Mädchen anging, so fand ich durch ihn sowie
eigene Nachforschungen heraus, dass sie tatsächlich die Tochter des Kaufmannes war, in
dessen Anwesen ich sie gesehen hatte. Wie ich mit zunehmendem Interesse feststellte,
wurde sie untypischer Weise trotz ihres Geschlechtes in den Geschäften des Handels
unterwiesen und sollte schon teilweise die Arbeit ihres Vaters übernommen haben. Als
Clamitas im Winter zu einem Auftrag in die entgegengesetzte Richtung gerufen war,
ergriff ich die Chance und ritt wie besessen in jenes Dorf an der Grenze zum Bergland.
Durch Gespräche auf der Straße, in zwei Wirtshäusern und sogar mit einem Diener am
Haus des Kaufmannes wurde mein Bild weiter vervollständigt. Die junge Frau – ein
Mädchen war es schon nicht mehr – schien über einen herausragenden Geist sowie eine
beachtliche Menge erlernten Wissens zu verfügen. Ich sah sie einige Male und fand sie
schön – so simpel und objektiv formuliert, wie es mir damals schien. Glücklicher Weise
beachtete sie mich nicht weiter, denn sie schien permanent beschäftigt, als wäre sie eher
Magd als Tochter des Hausherren. Über meinen Freund wusste man nicht viel. Er kam
äußerst selten hier vorbei, die junge Frau nahm sich für ihn Zeit, sprach aber offenbar
nicht groß über ihn, was mich zum Schmunzeln brachte, immerhin sagte er selbst nie viel.
Auf dem wesentlich entspannteren Heimweg (ich erinnere mich dessen aufgrund des
Verhaltens des Pferdes so gut) hatte ich genügend Zeit, mir diese Beziehung in allen
Möglichkeiten auszumalen, jedoch weiß ich nun, da ich schreibe, dass ich mit keiner
davon dem nahe kam, das sich mir später – und mit der Zeit immer mehr – offenbarte;
mag auch sein, dass ich dieser Sache nur im Nachhinein soviel Zauber zurechne.


Akt zwei.


Die längste Nacht des Jahres war schon einige Zeit vorüber, als Evellerius tagsüber vom
Ersten Diener eines am Rande der Stadt gelegenen Adelssitzes verständigt wurde; der lieben Tochter des Hausherren würde bei Nacht zumalen unwohl, manchmal habe sie direkt
panische Angst und fürchte ein dämonisches Wesen in den Gemäuern. Evellerius
versprach damals, am nächsten Tag vorbeikommen zu wollen, Clamitas meinte zu mir
auch, er habe ein wenig Spott in den Augen seines Meister erkennen können, mehr noch
als gewöhnlich. Mir selbst wurde der Fall in der folgenden Nacht unheimlich, als das eben
erwähnte Kind im weißen Nachtgewand durch die dunklen Gassen eilte, panisch und
offenbar zu Tode verängstigt stöhnend. Nach Kenntnis dieses Vorkommnisses eilten die
beiden Jäger am Morgen zum Adelssitz, durchsuchten alle Gänge und Gemächer, setzten
ihre Geräte ein und kamen erst am späten Nachmittag zurück. Dies wiederholte sich
wenige Tage und erst danach fand Clamitas die Zeit, mir unter unseren Ziegelsteinarkaden
davon zu berichten; ein kurzer Brief – recht ungewöhnlich für ihn (von der
beeindruckenden Tatsache abgesehen, dass er kein Analphabet war) – hatte mich dazu
eingeladen. In dem kleinen Schloss hatten sie nichts gefunden, lediglich ein schwaches
bedrückendes Gefühl – wohl eher im Mitfühlen mit der Tochter des Hauses – hatte ihn
ergriffen. Meister Evellerius habe sich neben seiner Emsigkeit und Unruhe nicht anders als
sonst verhalten. Kurz nachdem wir über ihn gesprochen hatten, kam an diesem Abend der
Jäger zu den Arkaden, um Clamitas zu holen. Damals sah ich Evellerius das letzte Mal
unter gewöhnlichen Umständen und direkt vor meinen Augen, doch verändert schien er
sich nicht zu haben. Die beiden gingen fort, ich kann mich an den Grund nicht mehr
erinnern, und ich beobachtete sie noch, wie sie nebeneinander die Straße entlang schritten;
der Jäger im langen Mantel und auch Clamitas hatte inzwischen eine längere, teilweise
klerikal anmutende Gewandung bekommen. Mich beschlich in diesem Moment das Gefühl,
als würden sie nicht mehr von dieser, vielleicht von allen begonnenen Straßen weichen, so
entschlossen war ihr Gang.
Ob es nun vorhersehbar, spürbar war oder nicht – im Adelssitz geschah viele Tage
darauf nichts mehr. Die Jäger wurden mäßig entlohnt und wandten sich wieder anderen
Zielen zu; ich selbst studierte weiter bei meinem Alchimisten. Clamitas konnte anscheinend
immer weniger zu seiner Kaufmannstochter – wie ich sie nannte – reisen, wie er mir ruhig
und mit einer gewissen Niedergeschlagenheit erzählte. Durch seine Stellung als Adlatus
war dennoch sein niederer Stand geblieben, was ihm wohl den größten Kummer machte.
Nur wenig erzählte er über das Mädchen, recht pragmatisch; und stets eingedenk der
enormen Distanz zwischen beiden. Eine Familie hatte Clamitas nicht, wie ich herausgefunden, gehört oder aus seinem Verhalten geschlussfolgert hatte. Er schien sich
damals allein auf seine Tätigkeit an der Seite des Jägers stützen zu können. Irgendwann bei
Beginn des Frühjahrs traf ich ihn, wie er sich gerade von seinem Meister verabschiedet
hatte, und ging mit ein Stück durch die nächtlichen Gassen. Ansonsten genossen wir beide
die Ruhe und die Lichtspiele der wenigen Laternen, doch viel Gelegenheit bot sich diesmal
dazu nicht. Ein tiefes Brummen aus einem eingezäunten und im Schatten gelegenen Garten
lies uns horchen. Plötzlich sprang eine Bestie von dort auf die Straße, ein Wolf oder Bär,
ich erinnere mich jetzt nicht genau oder wusste es auch damals nicht, sicher vor Schreck.
Ich schrie auf und eilte, glücklicher Weise nicht erstarrt, schräg hinter Clamitas, der das
Ungetüm aus den Augenwinkeln beobachtete, das Gesicht dem Boden zugewandt und
schon zuvor ein langes Messer gezogen hatte. Das Biest zeigte seine Zähne und tappte
ruhelos auf der Stelle, uns beide fixierend. Hinter ihm, einige Straßen weiter, sah ich eine
Gestalt mit gezogener Klinge in unsere Richtung rennen. Der flatternde dunkle Mantel
verriet den Mann als Evellerius und sofort fühlte ich mich ein wenig sicherer. Das Untier
jedoch setzte – ich muss ihm kurz in die Augen gesehen haben – zu einem Hieb mit der
Pranke an, dem Clamitas, während ich an eine Reaktion noch gar nicht denken konnte,
schnell auswich, um dann in die Pranke selbst sein Messer zu hauen und es anschließend
mit einer kraftvollen Bewegung durchzuziehen. Das Biest war getroffen und griff nun
immer toller an, während Clamitas in derselben Weise focht, sodass die Tatzen am Ende
nur noch an vereinzelten Sehnen zu baumeln schienen. Schließlich konnte mein Freund
dem Monster durch die Kehle hauen und kurz darauf fuhr die Klinge des Jägers durch
Pelz, Haut und Innerein. Einen Moment lang erstarrten Biest und Mensch. Evellerius zog
seine Klinge heraus und das Tier brach zusammen. Er verabschiedete sich mit einem
Nicken und ging seiner Wege. Es begann zu regnen. Clamitas schleppte sich zur nächsten
Hauswand und lehnte sich daran. Einen Bogen um die erschlagene Bestie machend ging
ich zu ihm, um ihn zu herzen, ihm zu danken – doch der Blick, den er mir zuwarf, rückte
all das in weite Ferne. Er starrte mich fassungslos an, das ganze Gesicht glänzte nass im
Schein der wenigen Lichter und ich bildete mir ein – vielleicht auch nicht – dass er weinte.
es waren keine Freudentränen, so gottverlassen wirkte die ganze Gestalt; und mit einer
ähnlichen Verzweiflung, die in mir selbst aufstieg, fragte ich mich, was diesen Menschen
wohl je wieder erheitern könnte. Ohne jegliche Worte brachte ich ihn nach Hause. Ich
betrat damals zum ersten Mal sein kleines Zimmer, in dem sich nur Bett, Stuhl, Tisch und
zwei Schränke befanden, ansonsten hauptsächlich Dinge, die zu seiner Tätigkeit gehörten.
Auf dem Pult sah ich ein Buch über das Bankwesen und die umliegenden Blätter waren mit
Zahlenrechnerein beschrieben. Clamitas sah mit Ausnahme der Regennässe wieder normal
aus und nicht einmal seine Augen waren noch so weit aufgerissen wie kurz zuvor. Das
folgende Gespräch möchte ich nun rekonstruieren. Er setze sich auf das Bett, ich nahm
derweil den Stuhl und er fragte ruhig: »Wer bist du?« Die Intention dieser Frage
verstehend – zumindest vermutete ich das – antwortete ich: »Ich bin der Schüler eines
Alchimisten, studiere gewissenhaft und möchte danach mit dieser Bildung ein gutes Leben
führen.« Er schwieg, ohne jedoch zu zeigen, dass ich ihn falsch verstanden hätte, was mich
ein wenig beruhigte. Nun fragte ich: »Was macht dich aus, lieber Freund?« Er schaute
mich an und redete überraschend deutlich: »Ich bin ein Mensch ohne Familie, ohne
Wurzeln. Ich lerne bei einem leidenschaftlichen Fallensteller und werde vielleicht bis ans
Ende meiner Tage allem möglichen und unmöglichen Getier nachjagen. Das war alles.«
»Du lernst das Bankwesen?«, fragte ich ihn in Bezug auf seinen Schreibtisch.
»Nun ja...warum sollte ich das nicht?« Da ich seine Beweggründe ahnte und für wenig
ertragreich hielt, fuhr ich ein wenig anders fort: »Was weißt du über Magnete?«
»Steine, die sich an Metall heranziehen.«
»Sie haben zwei Pole mit unterschiedlichem Charakter. Zwei gleiche stoßen sich ab, aber
verschiedene Pole ziehen sich an, als sei der eine aus Stahl.« Er verstand offenbar, war aber nicht aufgemuntert. Wäre er nicht mein teuerster Freund und in diesem Moment derart
niedergeschlagen gewesen, ich hätte vielleicht meine Ungeduld recht ironisch zum
Ausdruck gebracht. Doch ich fragte weiter, mit allen Konsequenzen zum Kern vorrückend:
»Was weiß sie über dich?« Er sah mich an, als ob er keine andere Wahl hätte als nur recht
zu antworten. »Meinen Namen, meinen Wohnort, meine Anstellung als Adlatus...« Ich
blickte ihn zweifelnd an, also sagte er noch, mich dennoch allein mit der Tatsache
überraschend, von selbst weiterzureden, »Ich habe mich vor ihr entkleidet, aber sie hat
noch nicht überall hingesehen...oder hinsehen wollen.« Ob der gewagten Metapher war
ich zunächst erschrocken, verstand jedoch die Bedeutung sehr schnell. »Es sieht schlecht
aus.«, meinte ich, obwohl ihm das zur Genüge klar sein musste. »Ja«, antwortete er, »...aber nichts Besonderes. Tausende solche ... Situationen muss es schon gegeben haben. Die Menschen würden nicht mehr existieren, wären sie jedes Mal daran zugrunde gegangen.«
Ich musste ihm recht geben, so leid es mir tat. »Wann hast du sie zuletzt gesehen?« fragte
ich ihn daher. »Schon ewig habe ich sie nicht mehr gesehen.« entgegnete er mit etwas
Nachdruck.
»Du liebst das Mädchen ... und sie dich?«
»Ich weiß es nicht, beides nicht!« Er blieb trotz allem ruhig.
»Glaubst du nicht, dass gerade dies dir helfen könnte? Wenn du mich fragen solltest: Liebe
bedeutet, jeden Augenblick der Trennung zu verfluchen und doch jedes nötige Jahr
auszuhalten – oder aushalten zu können.«
»Hier geht es nicht um Jahre.«
»Ich weiß.«, sagte ich, obwohl mir diese zuweilen ignorant wirkende Antwort selbst
missfiel, und versuchte, ihn anzulächeln. Es lag etwas Verachtung in seinen Augen; ich
hatte dies wohl auch provoziert. Ich verabschiedete mich und ging hinaus. Vielleicht muss
einfach etwas passieren, dachte ich damals beim Herabsteigen der Treppenstufen. Ich
erinnere mich noch heute dieses Gedankens.



Akt drei.


Irgendwann im fortschreitenden Frühling, als diese Welt nicht unbedingt sonniger, jedoch
etwas wärmer wurde, rief man die beiden Jäger wieder ins Schloss. Ein Schloss war es
nicht in der bekannten Weise, mehr ein wehrhaftes und mit Elementen einer Burg
versehenes Herrenhaus, soviel ich mich erinnern kann. Wie Clamitas mir berichtete,
wurde die Tochter wieder von denselben nicht zu erklärenden Ängsten überfallen und
nach jener längeren Zeit der Ruhe war sie umso verzweifelter. Evellerius beschloss sofort,
im Haus zu bleiben, besonders über Nacht, was ihm auch gestattet wurde. Während er
umherlief, saß Clamitas vor dem Gemach des Mädchens als Wache. Mein Freund erzählte
mir, dass sie in der ersten Nacht nur ab und an im Schlaf geredet hatte. Der Meister hatte
nichts gefunden, wollte aber im Haus bleiben; sein Interesse schien geweckt. In der zweiten
Nacht wiederholte sich alles, das Reden im Traume, das Suchen von Evellerius und
Clamitas wirkte durch die Wache immer kränklicher, so dass ich ihn tagsüber mit einer
selbstgemachten Mixtur für wenige Stunden in Tiefschlaf fallen lies, von allein wollte es
ihm nicht gelingen. Als sein Meister ihn abends von mir abholte – wie mag er mich
gefunden haben? – hatte er eine größere Tasche bei sich, den Geräuschen nach muss
Metallwerkzeug darin gewesen sein. Clamitas wurde wie von unsichtbaren Fäden auf
seinem Lager aufgerichtet und folgte Evellerius mit aufgerissenen Augen und leerem Blick;
mit einem Nicken hatte er sich von mir verabschiedet. Die folgende Nacht meinte mein
Freund, die ganze Zeit ein Hämmern im Keller des Hauses zu hören, während das
Mädchen ihren unruhigen Schlaf hatte. Später jedoch begann sie, lauter zu reden, zu
wimmern, leise zu schreien. Als Clamitas das Rascheln der Laken hörte, stürmte er ins
Gemach und zum Bett der Tochter, die sich schweißnass hin- und herwand, das Gesicht
vor Schmerz verzerrt. Er drückte ihr so sanft wie möglich die Hände auf die Kissen und
sprach auf sie ein, dass ihre Angst etwas nachließ, obwohl sie die ganze Zeit noch zu
schlafen schien. Als es im Zimmer ruhiger wurde, hörte er plötzlich langsame Schritte
hinter sich, sie sich zur Tür fortsetzten. Im Raum sah er niemanden. Er ging umher, in der
absurden Hoffnung, mit einem unsichtbaren Wesen zusammenzustoßen, doch fand nichts.
Durch die Schreie des Mädchens kam eine Magd herbeigeeilt, doch an der Türschwelle
blieb sie wie versteinert stehen, verzog das Gesicht zu einer angsterfüllten, wahnsinnigen
Fratze und rannte davon. Bis zum Morgengrauen wachte Clamitas neben dem schlafenden
Mädchen. Als Evellerius kam, um ihn fortzuholen, bemerkte er, dass dessen Nägel noch
von roter Erde umrandet waren. Bis sie sich vor dem Anwesen trennten, war ihnen
niemand mehr im Haus begegnet. Mein Freund erzählte mir diese Ereignisse mit seiner
gewohnten, resignierten Ruhe, vielleicht, weil er selbst keine Position zu den Ereignissen
beziehen konnte. Kurz nach dem Mittag – wir hatten einen Spaziergang zu den
Ziegelsteinarkaden gemacht – legte ich ihn erneut schlafen. Sein Meister holte ihn abends
wieder ab und damals bemerkte auch ich eine Veränderung an Evellerius, der scheinbar,
obwohl es absurd klingen mag, gewachsen war; kräftiger als sonst kam er mir vor. Als sie
fort waren, bat ich einen Nachtwächter, mich vier Stunden vor Sonnenaufgang zu wecken.
Mein eigener Lehrer hatte mir eines der permanent-geliehenen Pferde dagelassen, worüber
ich nun sehr dankbar war. Der Leser möge mir verzeihen: Ich vergaß zu erwähnen, dass
der Alchimist kurz vorher zu einer kleinen Reise aufgebrochen war und mir einen Teil
seines Besitzes anvertraut hatte. In dieser Nacht ritt ich los, fast schon besessen trieb ich
das Tier ins Hinterland. In jenem Dorf am Fuße der Berge kam ich sogar noch vor
Sonnenaufgang an, so dass ich warten musste und das Pferd sich erholen konnte. Mit
Einsetzen des alltäglichen Trubels ging ich zum Haus des Kaufmannes und fragte nach der
Tochter. Ich wurde in den Hof geschickt und sah die junge Frau mit Schreibzeug in den
Händen vor einer Art Lager stehen. Da sie nicht schwer beschäftigt schien, sprach ich sie
an und stellte mich als Freund von Clamitas vor. Auf meinem Hinweg war mir kein
nennenswertes oder auch nur deutlich beschreibbares Anliegen eingefallen, so dass ich all
mein Geschick aufwenden musste, um die Grundlosigkeit meines Besuches – und das
musste er für Andere sein – nicht so offensichtlich werden zu lassen. Über ihr Verhältnis
zu meinem Freund wollte sie mir in ihrer freundlichen, aber wenig herzlichen Art nichts
sagen, zumindest entnahm ich das ihren Antworten beim Anschneiden verwandter
Themen. Ich erzählte ihr also von Clamitas zermürbender Arbeit, die er gerade hatte, und
deutete an, dass vielleicht Unterstützung, die über meine Fähigkeiten hinausging, vonnöten
sei. Sie schaute mich an und hatte wohl auch schon meine Absichten durchschaut;
trotzdem sagte sie nur: »Ich weiß.« Mit Verwunderung darüber und außerdem peinlich
berührt durch die ganze Szene verabschiedete ich mich und ging. Als ich am Tor war, rief
sie mich noch einmal. Ich drehte mich um und wir sahen uns einen Moment lang in die
Augen. Dann dankte sie mir für meinen Besuch und schickte mich meiner Wege.
Um noch zur Mittagszeit wieder zurück zu sein, trieb ich das Pferd erneut an, nur
nicht so sehr wie wenige Stunden zuvor. In der Stadt angekommen schaffte ich das Tier zu
den Stallburschen und eilte zu den Ziegelsteinarkaden, auf diesen Ort war ich fokussiert.
Clamitas saß zusammengesunken an der Wand und grotesker Weise hatte man ihm schon
einige Münzen vor die Füße geworfen. Ich sammelte sie in eine Hand und hockte mich vor
meinen Freund. Ich sprach ihn an und als er mich langsam ansah, wollte ich fast vor
seinem elenden Gesichtsausdruck zurückweichen. Seine Augen waren von roten Blitzen in
wahrlich krankhafter Weise durchzogen, die Nase weiß und auch sein Haar war noch
ungepflegter als sonst. Ich stützte ihn bis zu meinem Zimmer im Haus des Alchimisten,
legte ich auf ein Lager und besorgte kurz – mit Hilfe der gespendeten Münzen – die
fehlenden Zutaten für eine aufbauende Suppe. Nach dem Essen und bevor ich ihn wieder
in den Schlaf schicken wollte, bat ich ihn noch, mir zu berichten. Der Adelssitz war bei
Ankunft der Jäger offen gewesen, kein Bediensteter war zu finden. Clamitas hatte seinen
gewohnten Posten bezogen, das Mädchen schlief bereits. In der Nacht war dann das
gleiche passiert wie in jener zuvor: Sie hatte geschrieen, er war an ihr Bett geeilt und hatte
wieder die Schritte gehört, die aus dem Gemach führten. Auch diesmal war die Tochter
nicht aufgewacht. Wenig später hatte er einen Schrei von Evellerius gehört, dessen Stimme
bei Notwendigkeit sehr durchdringend sein musste. Clamitas hatte ihn dann im Keller
gefunden, wo sein Meister Mörtel und Steine aus der Wand geschlagen und einen
eingemauerten goldenen Kerzenständer hervorgebracht hatte. Der Junge musste sich wohl
schon zuvor das Fragen abgewöhnt haben, denn er erzählte mir ganz sachlich, dass
Evellerius »Der Geist! Der Geist ist im Gold!« gerufen habe, Augen und Mund vor
Begeisterung weit aufgerissen. Er habe den Kerzenständer geküsst, dann war mein Freund
gegangen und hatte in einer dunklen Ecke des Raumes die blutüberströmte Leiche des
Dieners gesehen. Bei Morgengrauen seien sie wie gewöhnlich wieder herausgegangen. Ich
gab Clamitas seinen Schlaftrunk und begann zu überlegen. Er schien wahnsinnig, doch ich
war nicht die ganze Zeit Freund eines Wahnsinnigen gewesen. Ich ritt zum Schloss, fand
aber die Türen verschlossen und auch auf mein Läuten, Klopfen und Rufen reagierte nur
vorbeikommendes Volk, das mich misstrauisch anblickte. Auf dem Heimweg begegnete mir
ein Arzt, der mit meinem Lehrer befreundet war, und bat mich – auf Grund meiner
medizinischen Kenntnisse, die mir mein Meister neben vielen anderen Dingen vermittelt
hatte, und hauptsächlich meiner Nerven wegen in dieser Richtung – bei einer Amputation
zu assistieren. Widerwillig und in der Hoffnung, Clamitas vor dessen Erwachen zu sehen,
folgte ich dem Medicus zu einem großen Bauernhof. Einer der Bauern hatte sich mit der
Axt in den Fuß gehauen und uns blieb nichts übrig, als ihm den Fuß fast komplett
abzusägen. Das Blut und Geschrei hatte mich ein wenig angegriffen, als ich nach Hause
zurückeilte. Clamitas war fort, eine Nachricht gab es nicht. Ich zog meine Reisekleider an
und nahm ein langes Messer aus dem Besitz des Alchimisten mit. Es wurde dunkel.
Am Adelssitz angekommen, band ich das Pferd an einem Baum fest und trat durch
das offen stehende Tor. Im Haus hörte ich ab da ständig irgendwo schnelle Schritte, auch
gemächliche, und ab und zu gedämpftes Rufen, als sei der ganze Bau belebt. Nach Clamitas
Beschreibungen versuchte ich, auf den höheren Etagen das Gemach der Tochter des
Hausherren zu finden. Mir begegnete kein Mensch, nur ein paar Fallen der Jäger sah ich
in den Gängen und machte große Bögen um sie. Der Lärm, die Schritte, die Stimmen
wurden immer lauter und wollten mich irre werden lassen, doch ich suchte weiter.
Schließlich fand ich in einer Nische den grauen Mantel meines Freundes, über eine Bank
gelegt und schräg gegenüber sah ich durch eine offene Tür ein vornehmes Bett; ich ging
dorthin. Die Laken waren warm und in größter Unordnung, aber niemand war zu sehen.
Ich tastete jedoch die Decken ab und fühlte den kalten Schweiß, der in den Stoff gezogen
war. Ich ging anschließend nach unten, immer weiter. Im Keller wurden die Schritte und
Stimmen leiser, doch dort beunruhigte mich das Chaos aus umgeworfenen Möbeln, Schutt
und Dreck. In einem Gewölbe sah ich die eingeschlagene Mauer und auf einem Tisch
stand der makellose Kerzenständer. Ich konnte nicht verhindern, dass ich ihn bewundernd
ansah, doch ein fauliger Geruch stieg mir in die Nase, sodass ich mich losriss und begann,
einen Ausgang zu suchen. Aus den Augenwinkeln sah ich die zerschundene Leiche des
Dieners, den Clamitas gemeint haben musste, doch am allerwenigsten wollte ich dies nun
genauer betrachten. Der Keller schien mir wie ein Labyrinth, ob es nun an seiner Bauweise
oder meinem Orientierungssinn lag. Ich brauchte eine Weile, bis ich wieder erschöpft in
der Eingangshalle ankam. Ein Geräusch lies mich die Tür zum Innenhof aufstoßen. Auf der
gegenüberliegenden Seite sah ich gerade noch einen Mantel um den Türpfosten
verschwinden und rannte hinterher, bis mein Blick und Schritt zur Seite gelenkt wurden.
Ich trat näher und sah mein Pferd, wie es tot am Boden lag, Kopf und Hals in einer Pfütze
aus Blut liegend. Sei Bauch war aufgebläht und zuckte noch. Als ich mich nach der ersten
Fassungslosigkeit angewidert abwenden wollte, hörte ich ein Geräusch, das aus dem Leib
des Kadavers zu kommen schien. Ich hockte mich hin und nahm nun eine grobe, aber
offenbar recht stabile Naht an der Unterseite wahr. Ich war einen Moment verwundert,
doch ein heftiges Stoßen von innen gegen die Haut des Tieres ersparte mir längeres
Nachsinnen. Ich zog das Messer, als hätte ich es nur dafür mitgenommen, und schnitt die
Naht auf, so dass mir Blut und Wasser um die Schuhe liefen. Endlich rollte der
zusammengekauerte und völlig verschmierte Körper eines Menschen heraus, der einer
Frau, wie ich bemerkte, als sie nach Luft rang und einen Hustenanfall bekam. Ich wischte
ihr das Gesicht frei und nahm sie auf den Arm, wo sie zu Erbrechen drohte und ich sie
deswegen wieder absetze, um sie nicht ersticken zu lassen. Danach hob ich sie wieder hoch
und trug sie so schnell wie möglich auf die Wiese vor dem Anwesen. Als ich sie an den
Baum gelehnt hatte – die abgeschnittenen Zügel lagen noch herum – lies uns ein lauter
Knall zusammenzucken und ich sah noch, wie Glassplitter zur Erde regneten und aus den
Fenstern der oberen Etage erste Flammen schlugen. Fassungslos und das Mädchen stützend – war es die Magd? – sah ich dem grauenhaften Schauspiel zu, als plötzlich Clamitas aus
dem rauchenden Torbogen trat, eine junge Frau in kostbarem Kleid auf den Armen. Er
blieb noch vor den Treppen stehen und wir sahen uns an – er mit seiner ernsten, traurigen
Miene, ich offenbar noch mit aufgerissenen Augen, ich weiß es nicht mehr. Sehr
wahrscheinlich trug er die Tochter des Hauses, doch in diesem Moment dachte ich nur,
dass es seine Kaufmannstochter sein musste. Vielleicht glaubte er das auch und Zwang mir
seinen Willen auf; den kleinen und absurd fiktiven Erfolg zelebrierend, sie einmal fest
gehalten zu haben. Ich weiß nicht, wie lange er da stand und mich ansah, vielleicht auch
etwas anderes hinter mir, irgendwann drehte er sich um und ging langsam in das Inferno
zurück. Ich wollte seinen Namen rufen, doch dabei zog sich mein Bauch krampfartig
zusammen, so dass ich nach einem kurzen Moment nur ein leises »Nein!« in Richtung Tür
zu schicken vermochte.



Epilog.


Der Adelssitz brannte fast vollständig nieder, noch bevor das Volk in der Nähe Gelegenheit
für einen Löschversuch hatte. Durch die singuläre Lage des Anwesens wurde nur noch ein
Baum, nicht aber ein anderes Gebäude zum Fraß der Flammen. Das Mädchen trug ich so
schnell wie mir möglich zu dem weiter vorn erwähnten Medicus, wo wir allerdings nur
noch ihren Tod feststellen konnten. Beim Waschen des Leichnams entdeckten wir mehrere
kleine Stichwunden sowie Stellen, an denen sie von stumpfem Gerät getroffen worden war.
Ich hatte sie also nicht nur aus Pferdeblut gezogen; und ich konnte nichts dafür, dass es
mir nicht leid tun konnte, vielleicht ist es durch den Schock zu entschuldigen. Nachdem
ich bis Mittag geruht hatte, lieh ich mir aus dem Stall unseres geldgebenden Grafen ein
neues Pferd aus und bat den Burschen, dies seinem Herrn zu verschweigen; ich versprach,
am Abend zurück zu sein. Mich hatte eine absurde Gleichgültigkeit erfasst (vielleicht
dieselbe, die Clamitas stets hatte), sodass mich nur der Druck der Zeit zum Hause des
Kaufmannes preschen lies – überhaupt war ich bis dato nur einmal in Ruhe hingeritten, als
ob dieses größere Dorf das Sinnbild der Rastlosigkeit wäre. Als ich ankam, herrschte dort
noch reges Treiben. Ich erkundigte mich nach dem Fräulein und bekam die Antwort, dass
sie mit ihrem Vater auf Reise gegangen sei, Handel zu treiben und den Bräutigam zu
finden, der an der See leben sollte, mittlerer Adel, gute Erziehung, was mir einer der
Knechte mit einer gewissen Ironie vortrug, die mich ein kleinwenig tröstete. Ich fragte, was
mit meinem Freund sei, der oft hier vorbeigekommen sein musste. »Weiß ich nix von, nie
geseh'n...« meinte er zu mir und schaute mich erst danach dumm und verwundert an. Ich
dankte und ritt wenig später nach Hause.
Mit Ausnahme des erstochenen Pferdes musste ich mich offen nicht mehr mit der
Angelegenheit beschäftigen. Meinen Geist beanspruchte es jedoch noch lange Zeit. Ich
stünde weniger dumm da, wenn man mir versichern würde, Clamitas hätte selbst nicht
gewusst, was er gesucht und auch getan hatte. Aber wusste er es? Kann ich es wissen? Die
Beachtung des ganzen Vorfalls in der Stadt war überraschend mäßig, als hätte der
Adelssitz leergestanden, als wäre kein Geist darin umgegangen, der ein Mädchen nachts
barfuß durch die Straßen getrieben hätte. Warum sollte ich mich mit seinem Schicksal,
dem von Clamitas, beschäftigen? Von Zeit zu Zeit gehe ich noch unter den
Ziegelsteinarkaden. Vielleicht habe ich es mir nach und nach angewöhnt; ich sehe in jeder
Säule sein Gesicht; das in der dritten grinst mich sogar ein wenig an. In der letzten sehe
ich, wie mich die Kaufmannstochter ernst anblickt. Es wird mir unwirklich. Vielleicht bin
ich selbst irre geworden? War er es wirklich? Vielleicht der Normalste von allen; zwei
Vögel sah ich auf einem Giebel sitzen, dann flogen sie davon und ich verlor sie aufgrund
der Abendsonne, die mich blendete, aus den Augen. Ich weiß es nicht, ich weiß es einfach
nicht.