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Silentsigh: Das expressionistische Weltbild

Knoppf - Verlassene Stadt



Das Wirklichkeitsbild des Expressionismus



Der Begriff der Wirklichkeit im allgemeinen ist relativ. Der über ein sich selbst und seine Wirklichkeit erkennendes Bewußtsein verfügende Mensch ist zwar in der Lage, Wirklichkeit als etwas Bestehendes zu erfassen, dennoch ist er in ihrer Definition seiner eigenen Situation und Sicht unterworfen. Daraus folgt also, daß die Wirklichkeit des einzelnen subjektiv sein muss, daß es sich also um „seine Wirklichkeit“ - wie oben schon aufgeführt - handeln muß. Wirklichkeit kann also nicht mit Wahrheit gleichgesetzt werden, denn der absoluten Wahrheitserkenntnis sind des einzelnen Sinne nicht gewachsen.
Befaßt man sich nun näher mit dem Begriff „Wirklichkeit“, so erkennt man in ihm das Verb „wirken“. Die Wirklichkeit des Individuums ist also der Bereich, der direkt oder indirekt auf es einwirkt, und auf den es zugleich die Möglichkeit hat, auf die eine oder andere Weise einzuwirken, sei es durch die alleinige passive Existenz des Individuums in einem Zeitraum und einer gesellschaftlichen Konstellation, oder durch sein aktives Einwirken auf diese Umgebung.
Hierbei findet zudem eine Wechselwirkung statt: Der Mensch wird durch seine äussere Wirklichkeit beeinflusst und reagiert mit dem Versuch der Manipulation derselben seinerseits. Dieser Versuch resultiert jedoch aus der vorangegangenen Manipulation seiner inneren Wirklichkeit. Ob seine Reaktion nun erfolgreich oder erfolglos ist, wird sie in jedem Fall Veränderungen des äußeren Bereichs nach sich ziehen, welche sich erneut auf sein Inneres auswirken werden.
Man kann also ersehen, dass Wirklichkeit etwas fluktuatives sein muss, ein kontinuierlich fortschreitender, sich zyklisch wandelnder Prozess, der selbst durch seine Leugnung oder Passivität als Reaktion auf ihn nicht zum Stillstand gebracht werden kann, denn selbst das riefe unabwendbar eine neuerliche Veränderung hervor.

Auch im Expressionismus findet sich eine deutliche Teilung zwischen einer inneren und einer äusseren Wirklichkeit. Im Ursprung seiner Entstehung steht die Ablehnung der gesellschaftlichen und politischen Realität und die Protestreaktion darauf, welche zunächst die Gesundung der Menschheit durch Rückbesinnung und -entwicklung als klar umrissenes Ziel vor Augen hatte.
Der Expressionismus entwickelte sich in einer Zeit, die auf den ersten Weltkrieg zusteuerte, einer bisher ungekannten Dimension des Schreckens und der Zerstörung.
Für die jungen Künstler, die den Expressionismus als Form des Ausdrucks ihrer inneren Wirklichkeit, ihrer Seele, wählten, schien die damalige äußere Wirklichkeit wie die Ankündigung der bevorstehenden Apokalypse. Historiker gehen heute davon aus, daß der erste Weltkrieg tatsächlich eine Art Untergang der alten Welt bedeutete, eine tiefe Cäsur in der europäischen Kultur. Dieser Einschnitt in die bestehende Ordnung, die massive Einwirkung brutaler Gewalt und das entstehende Chaos beeinflußten die Künstler genauso stark wie die erstarrten und maroden gesellschaftlichen Zustände in ihrer direkten Umgebung, den Kontrast zwischen Elend und Siechtum sowie Reichtum und Verschwendung.
Zudem hatte im Jahr 1910 das Erscheinen des Halleyschen Kometen die europäische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, da man eine Kollision mit der Erde befürchtete. War dies zwar nicht geschehen, deutete man es doch als düsteres Omen hinweisend auf die nähere Zukunft, was angesichts der rasch folgenden namenlosen Schrecken der beiden Weltkriege gar nicht so lächerlich erscheint.
Die allgemeine Atmosphäre war geprägt von Pessimismus bis hin zur Weltuntergangsstimmung bei einer gleichzeitigen vollkommenen Ohnmacht dem verknöcherten gesellschaftlichen System gegenüber, das aus Sicht der Expressionisten als Folge des imperialistischen Materialismus seine Moral verloren und somit seine ethischen Legitimation eingebüßt hatte und nun unaufhaltsam blindlinks auf die Katastrophe zutrieb.
Aus diesem tiefen Bruch zwischen innerer und äusserer Wirklichkeit erfolgte der Wunsch nach Revolution von innen heraus, das Verlangen nach einer allgemeinen geistigen Wandlung hin zu einer idealen, harmonisch-solidarischen Gesellschaft.
War dies zunächst klares Ziel der expressionistischen Bewegung, entwickelten sich bald darauf jedoch zwei Tendenzen, von denen sich die eine auf politische Realisierung, die andere auf ideele Vervollkommnung konzentrierte. Die zweite von beiden setzte sich letztendlich durch. Daraus resultierte die allmähliche Abhebung der inneren Wirklichkeit des Expressionisten von der äusseren bis hin zum völligen Bruch mit ihr und der Unabhängigkeit davon unter Schöpfung einer komplett neuen inneren Realität, die der äußeren vorgezogen wurde. Diese utopische Eigenwelt im Innern äußerte sich in visionären Traumbildern, deren bizarre und groteske Ausdrucksform Befremdung oder Abgestoßenheit beim Leser hervorrufen konnte.
Der Expressionist sah seine Kunst als Reaktion auf oder auch als Alternative gegen eine Welt, die ihm zuwider war, der er sich aber zugleich ausgesetzt fühlte. Die äußere Realität empfand er als chaotisch. Der Eindruck der im aufkeimenden industriellen Zeitalter entstandenen und immer weiter expandierenden Großstädte mit ihrem dichtgedrängten, pulsierenden Leben spielt hier wohl eine wichtige Rolle. Das Bewußtsein des Künstlers nahm die hier auf engstem Raume zusammengedrängten extremen Kontraste, entstehend durch Menschen aller Art und jeden Alters in den unterschiedlichsten Lebensstadien und -situationen, aus deren mannigfaltigen Existenzformen Konflikte und Gegensätze resultieren, in sich auf und verarbeitete diese sich in rasendem Thempo verändernde und in sich selbst oft völlig widersprüchliche Vielfalt, deren tiefere Erfassung dem menschlichen Hirn nicht mehr möglich ist die und es nahezu ständig mit Eindrücken der unterschiedlichsten Art überfordert, in einer stilistischen Methode, die in gleicher Weise durch das schnelle Aufeinanderfolgen kontrastierender Eindrücke Bilder zu schaffen weiß, die an das Gewimmel auf den Straßen der Großstädte erinnern. Ein Beispiel für diese sogenannte Simultantechnik (Reihungsstil) findet sich in Jakob von Hoddis' frühexpressionistischem Gedicht „Weltende“, welches unter dem Eindruck des Erscheinens des Halleyschen Kometen und der daraus entstehenden Untergangsstimmung in Europa geschrieben wurde.



Weltende


Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und geh'n entzwei,
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu erdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.



Titel wie Bildlichkeit sind hier völlig disparat, d.h. ohne räumlichen oder situativen Kontext, und es gibt keine dem ganzen einen Zusammenhang gebende Logik. Es laufen Geschehnisse unabhängig voneinander gleichzeitig ab; sie laufen simultan und erschaffen auf diese Weise ein Bild der Wirklichkeitserfahrung des Expressionisten von einer Welt, welche in seinen Augen jeglichen inneren Zusammenhang verloren hat und in einem apoklayptischen Chaos versinkt.
Aus dem Gedicht spricht weiter eine tiefe Hilflosigkeit, mit der empfundenen Bedrohung umzugehen und sich einen Überblick über ihr Ausmaß machen zu können. Eindrücke von unbestimmter düsterer Vorahnung, leichten Untergangssymptomen und direkter Zerstörung wechseln nahezu unkontrolliert, das lyrische Ich ist nicht in der Lage, sie einzuordnen und nach ihrem Gewicht zu werten. Es ist ihnen ausgesetzt wie der Expressionist den Kontrasten der Großstadt.
Man kann hier fast von einem autistischen Umgang mit den jeweiligen Impressionen sprechen, Eindrücke werden zwar aufgenommen, doch das Hirn ist unfähig, sie zu verarbeiten, sie zu begreifen. Der Ausdruck der expressionistischen Wirklichkeitserfahrung ließe also den Rückschluß auf eine Art autistische Sichtweise zu: Überforderung durch Erlebtes, Verweigerung der Verarbeitung, Selbstschutz durch die Vermeidung der mit dem Erlebten verbundenen und später zu Ausdruck umgestalteten Emotionen.
Ein Beispiel für diese - vordergründige - Emotionslosigkeit zeigt das Gedicht „Schöne Jugend“ aus dem sechsteiligen Zyklus „Morgue“ von Gottfried Benn. Thema des Gedichts ist die Autopsie der Leiche eines jungen Mädchens, das ertrunken ist, und in dessen Bauchraum man ein Rattennest findet - Symbol für die Marodität und Zerfressenheit der Welt vor dem nahenden Untergang.



Schöne Jugend


Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löchrig.
Schließlich, in einer Laube unter dem Zwerchfell,
Fand man ein Nest von jungen Ratten.
(...)



Es fällt auf, daß das lyrische Ich nicht ein Wort über die Persönlichkeit des toten jungen Menschen verliert. Kalt schildert es den Seziervorgang vom Hals aus bis schließlich auf Höhe des Zwerchfells und verwendet dabei Lautmalereien, die beispielsweise das Öffnen der Brust noch brutaler erscheinen lassen (im verwendeten Ausdruck „aufbrach“ hört der Leser regelrecht das Bersten der Rippen), um dann ohne eine Anzeichen von Schrecken, Mitleid oder Traurigkeit weiter dem medizinischen Prozess nachzugehen. Auch dem entsetzlichen und in gewisser Weise entwürdigenden Befund im Innern der Leiche hat es keine Gefühlsregung entgegenzubringen.
Zwar benutzt Benn hier nicht den oft verwendeten Simultanstil, doch zeigt sich in beiden vorgestellten Gedichten die gleiche Unfähigkeit, Gefühle dem Geschehenen gegenüber zu erleben und die Eindrücke zu werten. Auch in von Hoddis' Gedicht „Weltende“ sterben Menschen, geschehen Katastrophen, die sicherlich Menschenleben kosten, doch auch hier ist das lyrische Ich nur außenstehender Betrachter, auf jede emotionale Regung verzichtend und die eigene Identität aus dem Geschehen heraushalten.
Nun rückzuschließen, daß der expressionistische Dichter gefühlsarm sei, oder unter irgendeiner Gehemmtheit leide, wäre ein Fehler. Die Gefühlskälte und Unpersönlichkeit in den Gedichten ist eher Ausdruck seiner äußeren Wirklichkeitserfahrung, der einer kalten und anonymen Gesellschft, in der das Individuelle genauso verlorengegangen ist, wie das Gefühl, und in der der Mensch nicht mehr aktiv Intervenierender ist, sondern passiv Getriebener, nicht mehr nach Erkenntnis strebender, sondern Verblendeter, dem Götzenbild Geld nacheifernder.
Diese Verblendung und selbstzerstörerische Aufgabe des Ich innerhalb der Gesellschaft wird besonders deutlich am Beispiel von Georg Heyms „Gott der Stadt“, welches etwa zur gleichen Zeit wie „Weltende“ entstand. Zwar wird hier nicht Geld an sich angebetet, doch eine Figur, die für materialistische Tendenzen steht und im Endeffekt für die Zerstörung der Gesellschaft verantwortlich sein wird. Die beschriebene Bevölkerung der Stadt erwirkt durch ihre Verblendung und ihren Götzendienst also ihren eigenen Untergang.



Der Gott der Stadt


Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Am Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die grossen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Heer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn zu ihm auf, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust,
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.




Die Lebensweise der Menschen im Gedicht ist eine einzige Anbetung ihres Baals, ihres Götzenbildes. Doch der Gott der Stadt ist kein wohlwollender Gott, sondern ein Vernichter, der die Menschheit in den Untergang treibt. Diese kritische Sicht der imperialistisch-materialistischen Gesellschaft ist einer der wichtigsten Protestansätze der Expressionisten. Zwar verlor sich das politisch verfolgte Ziel scheinbar mit der Zeit, doch steht in nahezu jedem expressionistischen Text oder Gedicht die Warnung deutlich sichtbar vor Augen des Lesers: Deine Gesellschaftsform entbehrt ihrer ethischen Rechtmäßigkeit und somit ihrer Basis und sie trägt den Keim ihres eigenen Untergangs in sich selbst. Dieser Untergang naht unaufhaltsam.

Zusammenfassend sei gesagt, daß die Wirklichkeitserfahrung des Expressionismus die einer Welt ist, die sich in Auflösung befindet, einer Welt, die sich selbst von innen zerfrißt, genauso wie die einer der Apokalypse entgegentreibenden Welt, die ihrem Schicksal nicht entrinnen kann, dazu aber auch dann nicht fähig wäre, wenn sie über die notwendigen Mittel und Wege verfügte, da sie sich selbst in erstickende gesellschaftliche Käfige gesperrt hat.
Expressionismus ist ebenso Protest gegen diese gefesselte Gesellschaft, wie Warnung vor einem nahenden Weltuntergang oder einfach nur Ausdruck des Gefühls einer apokalyptischen Bedrohung und des Ausgeliefertseins. Das Expressiv-groteske in vielen Werken, das Bizarre, Verzerrende und Verschleiernde ist Ausdruck einer inneren Realität, Versuch einer Einflußnahme auf die Äußere. Der Expressionist sucht Wandel, Umbruch und daraus resultierend Aufbruch auf die Suche nach einem neuen Menschheitsbild. Dieser Wandel ist so total, daß nur der Untergang des bisher Gekannten ihn auslösen kann.
Natürlich haben auch persönliche Erlebnisse der einzelnen Künstler zu Besonderheiten in ihrer Lyrik geführt: Benn zum Besipiel war als Pathologe tätig, Trakl, der in dieser Abhandlung vernachlässigt wurde und neben Benn und Heym zu den drei wichtigsten Interpreten des Expressionismus gezählt wird, arbeitete während des ersten Weltkrieges in einem Lazarett und litt unter starken Depressionen. Genau betrachtet jedoch sind all diese Erlebnisse Symptome einer krankenden Gesellschaft, die Gefühl und Ehre, echte Religiosität und Freiheit verloren oder nie besessen hat.

Zwar konnte sich die Ideologie des Expressionismus mit ihrer Suche nach einem ursprünglicheren und auf sich selbst besonnenen Menschen nicht durchsetzen, doch ist der Kritikansatz und die Wirklichkeitserfahrung der Expressionisten heute, in einer Zeit der Reichtumsverherrlichung, des Verlusts an religiösen und moralischen Werten sowie der Unfreiheit durch Intoleranz so aktuell wie eh und je. Man sollte bedenken, daß der Mensch in der heutigen Zeit Waffen besitzt, die den Schrecken beider Weltkrige noch vervielfachen könnten. Ein Wandel hin zu einem besseren Menschenbild wäre gerade heute, angesichts einer möglichen atomaren Apokalypse, sicher vonnöten.




Quellen:

"Der Expressionismus, sein zeitgeschichtlicher Hintergrund, Tendenzen und Ziele" von O.F.Best,
"Großstadt und Alltagsleben" von G. Simmel
und Gedichte der Autoren von Hoddis, Benn und Heym.