Silentsigh: Das expressionistische Weltbild

Ugly Ed: Eine wahre Geschichte

Silentsigh: Fearfiction

Seven D - F.E.A.R.-Wallpaper (www.Seven-D-sign.de)

1. Platz Kreativ-Contest JustFEAR

F.E.A.R. - Eine kurze Zusammenfassung

Wer das Spiel F.E.A.R. nicht kennt, könnte es mit meiner Kurzgeschichte etwas schwer haben.
Aus diesem Grund hier eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse.
(Spiel gespielt? Scrollt nach unten und vergeßt diesen Absatz. ;) )


Es hat einen Aufstand in einer geheimen Sektion einer mächtigen Rüstungsfirma namens Armacham gegeben – sie hatte den Auftrag, eine Klonarmee zu entwickeln, deren Soldaten über eine telepathische Verbindung ihrem Commander, einem genetisch optimierten Mann namens Paxton Fettel, bedingungslos gehorchen.
Fettel ist das Resultat einer Forschungsreihe namens Origin, in der man das telepathisch begabte Mädchen Alma mißbrauchte, um zwei Kinder zu zeugen, die ebenfalls übersinnliche Begabungen in sich trugen.

Alma wurde in ein künstliches Koma versetzt und gebar ihre beiden Söhne im Alter von nur 15 und 16 Jahren. Sie wurde sowohl vor als auch nach der Geburt ihrer Kinder in einem unterirdischen Forschungszentrum penibel unter Verschluß gehalten.
Der zweite Sohn, Fettel, geriet im Kindesalter bereits einmal in telepathischen Kontakt zu seiner Mutter, wohl als diese sich gegen ihr Gefängnis auflehnte. Die Folge war, daß er Amok lief und mehrere Menschen tötete. Nachdem man ihn unter Kontrolle gebracht hatte, ermordete man seine im Koma liegende Mutter, mußte aber feststellen, daß ihre geistige Präsenz fortbestand. Man versiegelte die unterirdische Origin-Anlage daraufhin, um den Kontakt zu ihrem Sohn endgültig zu unterbinden.

Jahrzehnte später, infolge einer Untersuchung diverser Verunreinigungen des Grundwassers auf dem Gebiet der unterirdischen Anlage, wird das Siegel durch die Armacham-Präsidentin Aristide gebrochen – und damit die Büchse der Pandora geöffnet.
Alma nimmt augenblicklich Kontakt zu ihrem nunmehr erwachsenen Sohn auf, der inzwischen Herr über eine ganze Armee Replikanten ist.

Fettels zweiter Amoklauf löscht die Armacham-Belegschaft fast vollständig aus. Er veranstaltet ein Massacker an den Mitarbeitern der Firma - und sucht die Verantwortlichen für Origin.
Diejenigen, die er stellt, verhört und tötet er nicht nur, er schändet die Leichen durch Kanibalismus. Er will seine Mutter befreien, doch er weiß nicht, wo ihr Gefängnis ist.
Alma selbst erscheint geisterhaft in ihrer Kindergestalt an einigen Orten des Geschehens, ihre telepathischen Kräfte sind zu schrecklicher Zerstörung fähig und sie rächt sich grauenhaft an denen, die sich ihr in den Weg stellen.

Das First Encounter Assault Recon, kurz F.E.A.R., greift ein, als klar wird, daß der Bedrohung auf die übliche Weise nicht Herr zu werden ist. Die Geheimwaffe der Organisation ist Paxton Fettels älterer Bruder, der selbst nicht weiß, wer er wirklich ist.
Er verfolgt Fettel bis in die Gewölbe Origins, während er nach und nach herausfindet, was geschehen ist – und wer er ist. Schließlich tötet er seinen Bruder und zerstört die Origin-Anlage, kann aber nicht verhindern, daß Almas Geist befreit wird. Sie wird niemals aufhören, ihren überlebenden Sohn zu suchen...


Wallpaper F.E.A.R. (Coy)

FEAR-Fiction: Memory





Ich hatte mir vorgenommen, ein Tagebuch zu führen, weniger, weil mein Leben so ereignisreich war, als mehr, weil ich unter dieser verdammten Verletzung leide. Ich vergesse so viel.
Man hatte mir schon vor einem Jahr geraten, alles aufzuschreiben, an dem Tag, als klar wurde, daß mein Gehirn sich nicht wieder vollständig erholen würde. Interessant, daß ich mich daran problemlos erinnern konnte.
An das Geschehen, das mein Leben verändert hatte, erinnerte ich mich gottseidank nicht. „Posttraumatische Amnesie“ oder so ähnlich nannten sie es. Ich nannte es „den Unfall“, doch ich wußte, daß es im Grunde keiner gewesen war. Es warf bei meinem Gegenüber weniger Fragen auf, wenn ich es so nannte. Wenn meine Vorgesetzten Einblick in meine private Krankenakte gehabt hätten, hätte ich mich wahrscheinlich schnell in irgendeinem Schreibtischjob wiedergefunden.
Ich würde die Sache mit dem Gedächtnis verheimlichen, so lange mir das möglich war.
Namen. Namen waren ein Problem. Ich konnte sie mir nicht mehr merken. Und ich konnte sie nur schlecht einem Gesicht zuordnen. Ich wußte, wer zu meinen Kollegen gehörte und wer nicht, aber ich bekam die verdammten Namen nicht mehr in meinen Schädel.
Ich umging die Formulierung, wenn möglich. Ich hoffte, daß es nicht allzu sehr auffallen würde. Ich wollte nicht, daß sie glaubten, ich sei unzuverlässig. Denn ich wußte, daß ich noch in der Lage war, meine Arbeit zu tun.
Ich war immer wieder erstaunt, wie selektiv die Ausfälle waren. Meine routinierten Fähigkeiten funktionierten wie zuvor. Im letzten Training hatte ich den Jungs in nichts nachgestanden.
Ich hatte es schwer gehabt, wieder fit zu werden. Ein wochenlanges Koma läßt eine Menge Muskeln verschwinden und zerstört die Kondition vollkommen. Ich hatte fast acht Monate lang hart gearbeitet, um es hierher zurück zu schaffen.
Ich war schwach und zittrig wie ein alter Mann, als sie mich aus dem Krankenhaus entließen, konnte kaum ein paar Schritte gehen, ohne daß mein Puls in meinen Ohren raste.
Sie hatten mir wenig Chancen gegeben, je wieder richtig laufen zu können. Ich wünschte, sie könnten sehen, was ich erreicht hatte.
Ich war fast wieder der alte, wenn ich nur nicht so viel vergessen würde. Damit würde ich leben müssen. Irgendwas mit meinem Kurzzeitgedächtnis stimmte nicht. Immerhin, ich war nicht so arm dran wie manch anderer. Ich schaffte es, mir einiges in mein Hirn zu prügeln, wenn ich wirklich wollte.
Ich hatte gelesen, daß es Menschen gab, die sich am Morgen nicht mehr erinnerten, was sie am Abend zuvor getan hatten – und das nicht infolge einer durchsoffenen Nacht.
Ich dachte manchmal, daß ich vielleicht auch das mit den Namen irgendwann in den Griff bekommen würde.
Wenn sie falsch gelegen hatten, was meine körperlichen Fortschritte anging, konnten sie genausogut falsch liegen, was meinen Geist betraf.
Ich war mehr als froh, meine alte Stelle wieder antreten zu können. Ich wußte, daß es eine Art Probezeit war, aber ich war guten Mutes, meine Sache gut zu machen.
Ich würde mich bedeckt halten, was die Kopfverletzung anging, denn ich wollte nicht, daß meine Kameraden mich als Unsicherheitsfaktor betrachteten. Viele von ihnen kannte ich schon eine ganze Weile, sie wußten sicher auch, daß ich beinahe draufgegangen war.
Sie würden mich alle beobachten, abwarten, ob ich noch gelassen genug für den Job war, oder ob meine Hände in einer brenzligen Situation plötzlich unkontrolliert zittern würden.
„Posttraumatisches Streßsyndrom“ hatte man es genannt, mich in eine Gruppe wildfremder Leute gesteckt und mich durch eine gnadenlos langweilige Kette von Gruppentherapiestunden gejagt, die ich für unnötig hielt. Ich erinnerte mich ja nicht.
Ich mußte nichts verarbeiten. Mich quälten keine Alpträume. Ich war nur vergesslich. Das war alles.
Mein Partner für die nächsten zwei Monate hieß Bruno... oder so ähnlich. Ich kannte ihn lange, aber sein Name war nun eine unüberwindliche Hürde für mich. Das Verrückte war, daß ich mich perfekt an unsere gemeinsamen Jahre in der Firma erinnerte. Ich wußte sogar, daß ihm jemand vor drei oder vier Jahren mal irgendeinen Farbindikator in die Cola geschüttet hatte. Er hatte blau gepinkelt und sich zu Tode erschreckt. Ich sah ihn heute noch vor mir stehen, mit fassungslos-entsetztem Gesicht, weil er sich fragte, was für eine bekloppte Krankheit er haben mochte. Ich wußte auch, daß er einen dreizehnjährigen Sohn hatte und daß der Kleine sich von seinem Computer nur mit Waffengewalt trennen ließ. Ich erinnerte mich, daß er mir gesagt hatte, er befürchte, daß sein Junge sich noch einen Schaden bei den ganzen Ballerspielen holen würde, die er so liebte. Ich war über seine Sicht der Dinge verwundert gewesen, schließlich ballerte sein Vater ja auch, nur im wirklichen Leben.
All das hatte ich glasklar vor Augen, aber sein Name war wie ausgelöscht. Und ich mochte noch so oft auf den kleinen seitlichen Schriftzug auf dem Ärmel seiner Uniform starren, ich konnte ihn mir nicht merken.
Er war ein gutes Stück älter als ich und schon sehr lange dabei. Er hatte schon bei Armacham gearbeitet, als die Firma gerade erst entstanden war und kannte eine Menge Anekdoten und Halbwahrheiten über die Technologien, die hier seitdem entwickelt worden waren. Es war immer interessant, ihm bei seinem Jägerlatein zu lauschen.
Natürlich verstand er genausowenig von dem, was hier geschah, wie ich. Das meiste, was wir bei unseren Kontrollgängen aufschnappten, war irgendein wissenschaftlicher Kauderwelsch in unseren Ohren, aber dennoch bekamen wir im Großen und Ganzen mit, daß es Bereiche gab, die sich ausschließlich mit Waffentechnologie befaßten, und andere, die offenbar in irgendeiner Weise genetische Experimente durchführten.
Ich war keine Intelligenzbestie in der Schule gewesen, denn sonst würde ich wohl der mit dem weißen Kittel sein und nicht der mit der Uniform, aber ich war auch kein Idiot. Ich wußte, daß nicht alles dort mit rechten Dingen zuging.
Und mehr wollte ich auch gar nicht wissen.
Idealistische Moralvorstellungen konnte ich mir schlicht nicht leisten, es war schwer genug, Arbeit zu finden und meine Verletzung konnte mir im Nachhinein noch das Genick brechen, wenn ich hier gefeuert wurde und mich woanders bewerben mußte.
Ich würde keinen Eignungstest mehr bestehen.
Armacham und mein alter Job waren meine einzige Chance, wieder tun zu können, was ich am besten konnte.
Der Gedanke, Tag für Tag Berichte zu schreiben oder stupide einen Knopf im Eingangsbereich drücken zu müssen, wenn jemand durch die Schleuse wollte („Guten Tag, Sir,“ „Auf Wiedersehen, Madam,“), machte mir Angst.
Entsprechend motiviert hatte ich heute morgen begonnen.
Ich hatte schlecht geschlafen, wirre Träume hatten mir die Nacht versüßt und ich war sicher, einen lauten Aufschrei gehört zu haben, als ich aufwachte. Danach war nicht mehr an Schlaf zu denken gewesen und ich war viel zu früh zur Arbeit aufgebrochen.
Bruno hatte über meinen übertriebenen Aktionismus gegrinst und mir einen Kaffee in die Hand gedrückt, der mühelos Tote aufwecken konnte. „Nimm mal'n Gang raus, Junge, ist noch ein langer Tag.“
Und damit hatte er Recht gehabt. Der Tag sollte der längste meines Lebens werden.

*

Es war Nachmittag, als die merkwürdige Meldung im Radio kam. Es klang zunächst nach einer terroristischen Tat, irgendetwas war an den Docks im Gange, doch niemand wusste genaueres.
In jedem Fall hatte es offenbar Gefechte in einigen Lagerhäusern gegeben und eventuell auch Tote. Ich hörte es nur auf einem Ohr mit, schlürfte meinen dritten Kaffee und folgte Bruno dann zu unserem zweiten großen Kontrollgang.
Wir waren der Forschungsabteilung 5-D zugeordnet worden, Teil eines weitläufigen Komplexes des Armachamgebäudes. Es befand sich im fünften Stock und bestand aus ein paar größeren Laboratorien und einigen kleineren Parzellen, in denen Laboranten und Forscher in ihren unvermeidlichen weißen Kitteln arbeiteten. (Ich stellte fest, daß ich weiße Kittel nicht ausstehen konnte, als wir den ersten Durchgang machten, wohl ein Relikt aus der Zeit in der Klinik.) „Labormäuse“ nannte Bruno sie, meinte damit aber in erster Linie die weibliche Belegschaft.
Die meisten Frauen, die hier arbeiteten, waren sicher nicht aufgrund ihres umwerfenden Äußeren eingestellt worden, aber ein paar ganz passable waren dabei. Ich war nicht wirklich in der Stimmung für einen Flirt, aber mir entgingen die langen Beine nicht, die eine von ihnen zeigte, als sie sich über ein Elektronenmikroskop beugte.
Ich lebte jetzt seit drei Monaten, vier Tagen und fünf Stunden allein, und ich wünschte, meine Vergesslichkeit bezöge sich auch auf die Beziehung, die ich zuvor geführt hatte.
Ich redete mir ein, daß es besser war, daß sie weggegangen war, aber ich wußte, daß es zumindest für mich nicht stimmte.
Sie hatte dem Druck nicht standhalten können, sicher hatte sie sich schon lange mit dem Gedanken getragen, wahrscheinlich schon vor meinem Unfall. Ich konnte mir denken, daß sie bei mir geblieben war, bis ich das Gröbste überstanden hatte, um dann endlich guten Gewissens ihre Freiheit wiederzuerlangen. Ich hatte vermieden, ihr vorzuwerfen, daß sie mich wegen meiner Ausfälle verließe, denn ich wußte, daß sie es nicht deshalb tat. Es hatte schon vorher Probleme gegeben und das größte davon war das, was ich tat. Sie konnte nicht verstehen, wieso ich bereit war, mein Leben zu riskieren, um irgendeinen Konzern zu beschützen, der Waffen produzierte. Und sie war nicht begeistert von dem Gedanken, eines Tages ohne mich dazustehen, wenn irgendein Irrer dort um sich ballerte.
Ausserdem sah sie nicht ein, warum ich einen Beruf ausübte, in dem ich eventuell einmal einen Menschen würde töten müssen. Ich verstand all ihre Bedenken, aber ich wußte auch, daß ich nichts besser konnte als das, was ich tat. Ausserdem war der Ernstfall eine eher unwahrscheinliche Vorstellung.
Vielleicht war ich nicht verliebt genug gewesen, um alles für sie aufzugeben, vielleicht hatte sie auch zuviel verlangt. In jedem Fall hatten wir uns auch schon vor dem großen Knall auf Talfahrt befunden.
Die Laborantin wandte sich mir zu. Sie hatte braune Augen.
Interessant, ich erinnere mich fast ausschließlich an die Augen. Ich weiß daß sie recht hübsch war, aber ich kann ihr Gesicht nicht mehr beschreiben. Vielleicht erinnere ich mich deshalb nicht daran, weil diese Augen das erste waren, was ich ... aber dazu komme ich später.
„Alles gesehen?“ fragte sie grinsend.
Ich war so geistesabwesend gewesen, daß ich eine Sekunde brauchte, um zu verstehen, was sie meinte. Dann blickte ich ertappt zu Boden und lächelte.
Bruno war einen Gang weiter in eine heftige Diskussion mit einem der weißgekittelten Obermotze hier geraten, weil der sich durch unsere regelmäßigen Kontrollgänge auf die Füße getreten sah. Ich ließ die beiden ihre Grundsatzdiskussion führen und sagte zu der jungen Frau, daß es mir leid tue, ich hätte sie nicht belästigen wollen.
„Wenn Sie schonmal da sind, können Sie mir vielleicht helfen.“
„Wobei?“
„Das Mikroskop funktioniert nicht.“
„Ich bin kein Feinmechaniker.“
„Ich wette, das Kabel hat sich mal wieder gelöst. Passiert regelmäßig.“
„Und warum...“ Dann sah ich, warum sie es nicht einfach wieder feststöpselte. Es verschwand in einem Loch in der Metallkonsole, auf dem das Gerät stand. Man konnte sie offenbar seitlich öffnen und hineinkriechen.
„Da sind garantiert Spinnen drin. Ich hasse Spinnen.“
Ich war sicher, daß sie den flehentlichen Augenaufschlag intensiv vor dem Spiegel geübt haben mußte, denn er war absolut perfekt. Wortlos löste ich die Halterung, schob die Platte beiseite und schaltete meine Taschenlampe ein. Sie hatte recht, es wimmelte von Spinnweben und Staub. Und es gab Unmengen Kabel.
Ich krabbelte in die Konsole und suchte das richtige.
„Haben Sie's? Es muss ein dunkelgrünes sein!“ hörte ich sie etwas dumpf rufen.
Ich fand das Loch, durch das es hineingeleitet wurde und verfolgte das Kabel bis zu seinem Ende. Es war tatsächlich lose, warum auch immer. Ich befestigte es sorgfältig und krümmte mich eng zusammen, um mich in der Konsole umdrehen zu können. Dann krabbelte ich zurück auf den Ausgang zu.
Die Explosion kam völlig unerwartet und ich wurde gewaltsam gegen die Metallwand geworfen. Benommen hörte ich Schüsse und Schreie, jemand bellte einen Befehl, dann explodierte wieder etwas, diesmal offenbar direkt neben der Konsole, und die Welt wurde schwarz.

*

Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf den OP-Tisch gekommen war. Mein Kopf dröhnte und alles um mich herum war schwammig und unscharf zu erkennen.
Stimmen, undeutlich, leise. Und Schmerz. Furchtbar und unermüdlich. Überall. Aber vor allem im Kopf.
„Sie hätten es niemals ohne Sicherheitsvorkehrung testen dürfen!“
„Es ist eben passiert, sagen Sie mir lieber...“
„Der ist fast tot.“
„Dann tun Sie was.“
„Und was? Zaubern?!“
„Egal was, schustern sie ihn wieder zusammen, ich kann keine schlechte Publicity brauchen. Aristide sitzt mir im Nacken wie eine Harpie... Ich weiß, daß Sie die Möglichkeiten haben.“
„Das ist nur ein Wachmann. Wir reden hier von hochteuren...“
„Egal. Tun sie's! Das ist keine Bitte.“
Ich sah undeutlich ein Gesicht mit OP-Haube und Mundschutz, das sich über mich beugte. „Der Kerl ist wach!“
Dann fühlte ich einen stechenden Schmerz im Hals und alles verschwamm erneut.

*

Braune Augen starrten mich an. Ich kniff meine zusammen und öffnete sie erneut, aber das Bild änderte sich nicht.
Ich lag in der Konsole und fühlte mich wie durch den Wolf gedreht. Es war sehr still in der Station.
Die Laborantin lag vor der Öffnung und starrte blicklos hinein. Ich hob mühsam den Kopf und sah das Blut.
Es war eine Menge davon auf dem Boden. Alles roch danach, süßlich und ein wenig metallisch, wie in einer Schlachterei. Der Geruch hing erstickend schwer in der Luft.
Mir wurde übel und ich ließ mich wieder zurücksinken. Mit geschlossenen Augen lag ich eine ganze Weile still da.
Es konnte nicht wahr sein. Es musste ein Traum sein.
Ich bemerkte, daß meine rechte Schulter heftig schmerzte und mir etwas warmes über die Stirn tropfte. Unwillig öffnete ich die Augen wieder und wischte es weg, um meine Hand blutrot zurückzuziehen. Ich mußte mir den Kopf gestoßen haben.
Ich drehte mich nach links und tastete über meine Schulter. Sie war offenbar nur geprellt.
Ich suchte mich nach weiteren Verletzungen ab, während ich intensiv horchte. Kein Laut, abgesehen von einem steten Tropfen in einiger Entfernung. Ich ahnte, was da tropfte. Es hörte sich nicht wie Wasser an. Die Tropfen waren schwerer, langsamer.
Meine Waffe war nicht mehr in ihrem Halfter. Erschrocken ließ ich die Finger über den Boden gleiten und atmete auf, als ich sie fühlte. Ich überprüfte automatisch, daß sie gesichert war und steckte sie wieder an ihren Platz.
Ich hatte wahnsinniges Glück gehabt. Ich war weitgehend unverletzt, soweit ich es in meiner momentanen Position beurteilen konnte. Wenn ich nicht in dieses Ding hier geklettert wäre, läge ich jetzt wohl neben der jungen Frau da draußen.
Ich vermied den Blick in ihre Augen, als ich mich sehr langsam auf das Loch zuschob, immer noch ausgesprochen konzentriert lauschend.
Was immer hier eben eingefallen war, mußte gewaltig gewesen sein. Die absolute Stille zeugte davon. Hier atmete niemand mehr. Wenn ich nicht vorsichtig war, würde mir dasselbe Schicksal blühen.
Ich erreichte den Rand und lugte hinaus.
Ich hatte mit einigem gerechnet, aber das, was ich sah, überstieg meine Befürchtungen. Das Labor war verwüstet und der Boden über und über voll mit Scherben und Blut. Die Laborantin hatte offenbar eine ganze MG-Salve abbekommen. Ihr Kittel war dunkelrot durchtränkt.
Ich griff langsam aus der Konsole und schloss ihre aufgerissenen Augen. Ihre weiße Haut war noch warm.
Unbändige Wut stieg in mir auf und eine Sekunde lang lief ich Gefahr, meine Vorsicht zu vergessen und wutschnaubend nach dem Verursacher dieses Blutbades zu suchen.
Dann aber biß ich mir auf die Zähne und faßte mich.
Ich ließ meinen Blick durch das Labor gleiten. Wo waren die anderen? Wo waren ihre Leichen?
In einer Ecke am anderen Ende des Raums lag ein Schuh. Ich lehnte mich etwas zur Seite und sah den dazugehörigen Fuß unter einem Tisch vorragen. Die weißen Strümpfe waren dabei, sich mit dunkelroter Flüssigkeit vollzusaugen.
Trotzdem, das waren zu wenige. Der Raum erzählte von einem Massacker. Hier war das Blut von mehr als zwei Menschen geflossen. Wo waren ihre Leichen?
In dem Augenblick hörte ich etwas.
Ich erstarrte.
„Bringt ihn da drüben hin. Und entsorgt den Rest.“ Die Stimme hatte einen seltsamen Klang. Ich kroch so leise wie möglich zurück in mein Versteck und bemühte mich, flach zu atmen.
Die Schritte sprachen von vier bis fünf Männern. Ich kroch weiter ins Dunkel und drückte mich eng an die Metallwand, falls einer von ihnen auf die Idee kommen sollte, hier hereinzuleuchten.
Meine Hand lag auf meiner Waffe. Wenn sie mich entdeckten, würde ich es ihnen zumindest nicht zu einfach machen.
„Die Frau. Weg mit ihr.“
Schwarz behandschuhte Hände ergriffen den schmalen Körper und zogen ihn hoch. Ein undeutlicher violettbrauner Fleck blieb zurück.
„Waren das alle?“
„Ja Sir.“
„Legt ihn da hin.“
Ich hörte, wie sie einen Körper neben meinem Versteck zu Boden fallen ließen. Die Art, wie er fiel, sagte mir, daß er entweder bewußtlos oder tot sein mußte.
„Sichert den Bereich.“
„Ja Sir.“
Ich hörte, wie sich einige entfernten. Ich blieb regungslos liegen. Eine Bewegung nah an der Öffnung offenbarte mir, daß mindestens einer hiergeblieben war. Ich zog sehr langsam das Kabelgewirr neben mir vorwärts, so daß es mich notdürftig verdeckte.
Kampfstiefel erschienen neben der Öffnung meines Verstecks. Ich hielt den Atem an. Der Mann schob die Fußspitze gegen die Metallplatte, die ich herausgenommen hatte. Dann wandten sich die Stiefelspitzen der Öffnung zu. Ich presste mich an die Wand meines Versteckes, so fest ich konnte, und entsicherte die Waffe.
Ein Soldat in Helm, Sturmhaube und Schutzmaske, gesichtslos und finster, beugte sich herunter und blickte hinein.
Ich sah seine Hand zu seinem Helmlicht fahren und machte mich bereit, früher zu schießen als er.
„Er kommt!“
Der Mann wandte sich seinem Kameraden zu, der offenbar nahe der Tür stand. Die Stiefel drehten sich und verschwanden. Ich atmete leise durch und entspannte mich etwas.
Ich hörte jemanden auf uns zukommen. Er war allein. Seine Schritte klangen anders als die der übrigen, ich konnte nicht sagen, warum.
Als er den Raum betrat, hatte ich das Gefühl, seine Anwesenheit geradezu körperlich wahrnehmen zu können. Er sagte kein Wort, aber ich fühlte, daß er zufrieden war. Und daß er zutiefst haßte.
Verwirrt kauerte ich mich zusammen und horchte in mich hinein. Wurde ich jetzt endgültig verrückt?
Er hatte sich dem Toten auf dem Boden genähert und ich war sicher, daß er neben dem Körper in die Hocke gegangen war. Was er tat, war schwer zu sagen. Es klang, als würde er den Körper aufschneiden... nein. Es klang anders.
Ein Bild blitzte vor meinem inneren Auge auf und ich schüttelte es entsetzt ab. Das machte keinen Sinn. Warum sollte jemand so etwas tun...?
Qualvolle Minuten wartete ich, während es vollkommen still war, abgesehen von dem Geräusch mahlender Kiefer und reißender Finger.
Als der Mann neben meinem Versteck sich schließlich erhob, zuckte ich erschrocken zusammen. Ich konnte ihn sprechen hören, aber wie schon seine Schritte anders geklungen hatten, stimmte irgendetwas mit seiner Stimme nicht.
Mir war, als hörte ich sie gar nicht wirklich, als wäre sie in meinem Kopf.
„Wade?“
„Er war nicht hier, Commander.“
„Seine Tochter?“
„In seinem Büro.“
„Gut.“
Er verließ das Labor und ein Großteil der Männer folgte ihm. Es wurde wieder still. Ich stellte fest, daß mir eiskalt war. Ich wartete lange, ehe ich mich wieder vorwärtsschob und hinauslinste. Ich war nicht allein. Ich sah den Schatten der Wache durch die Tür fallen, als sie an dem Labor vorbeiging.
Ich mußte hier weg, soviel war klar. Ich würde nicht ewig in diesem Kasten liegenbleiben können und warten, bis denen vielleicht einfiel, hier alles in Flammen aufgehen zu lassen.
Ich hatte den Haß dieses sogenannten Commanders gefühlt. Der Mann war fähig, das ganze Gebäude in die Luft zu jagen.
Ich wartete, bis ich die Wache ein weiteres Mal an der Tür vorbeigehen sah, dann kroch ich schnell aus meinem Versteck. Ich hatte mit dem Anblick gerechnet, aber ich mußte mich dennoch beinahe übergeben.
Der Kerl, mit dem sich Bruno gestritten hatte, lag auf dem Boden – oder besser das, was noch von ihm übrig war. Sein Körper sah aus, als wäre er einem Raubtier zum Opfer gefallen... und es hatte gefressen.
Ich machte einen weiten Bogen um die Leiche und presste mich gegen die Wand neben der Tür. Ich ließ die Wache ein weiteres Mal unbehelligt passieren und lugte dann hinaus, um sicherzustellen, daß niemand sonst diesen Bereich sicherte.
Als sie wieder an der Tür vorbeikam, sprang ich sie von hinten an und zog ihr den Kolben meiner Waffe über. Überrascht mußte ich feststellen, daß das offenbar nicht reichte.
Der Mann taumelte zwar, fiel aber nicht und ich schlug mit voller Kraft ein zweites Mal zu. Erst jetzt sackte er zusammen.
Ich packte ihn und zog ihn eilig aus dem Gang. Ich blieb eine Weile regungslos neben ihm hocken und wartete, ob sein Verschwinden Aufsehen erregen würde.
Nichts geschah.
Ich betrachtete die Uniform, die der Kerl trug und stellte mit Erschrecken fest, daß ich sie kannte. Sie war hier gefertigt worden und trug Armacham-Abzeichen. Bei genauer Betrachtung stellte sich heraus, daß alles, was der Mann bei sich hatte, Armacham-Entwicklungen waren.
Ich kannte das Sturmgewehr, das er fallengelassen hatte, gut, ich hatte es zwar nie in die Hand nehmen können, aber ich hatte mehr als einmal einen Blick darauf geworfen, als es vor einigen Jahren im ersten Untergeschoß getestet worden war.
Ich wunderte mich nicht weiter, daß ich mich gut daran erinnerte, während ich mir den Namen des Versuchsleiters, mit dem ich mehr als einmal bei meinen Kontrollgängen angeregte Gespräche über seine Neuerungen geführt hatte, partout nicht einfallen wollte.
Ich untersuchte es vorsichtig. Es war erstaunlich leicht, sauber ausbalanciert und sicher genauso zuverlässig wie unvorstellbar teuer.
Wenn jeder dieser Männer derart hochwertig ausgerüstet war, konnte ich mir gratulieren.
Aber wieso sollten nur sie perfekt gepanzert und bewaffnet in diesen Kampf gehen?
Ich begann, den Bewußtlosen auszuziehen. Er mußte in etwa meine Größe haben.
Wenn ich ein wenig Glück hatte, hielten sie mich für einen der ihren. Und wenn nicht, war ich allemal besser geschützt als in meiner lächerlichen Wachmannuniform mit meiner lächerlichen Waffe.
Ich stockte, als ich ihm Maske, Sturmhaube und Helm abgenommen hatte. Der Kerl hatte offenbar irgendwann eine Verbrennung erlitten. Oder hatte er niemals Haare besessen? Er besaß nichtmal Wimpern. Seine Kopfhaut sah merkwürdig aus, sein Gesicht auch. Irgendwie – unfertig.
Ich hatte keine Zeit, mich länger mit ihm zu beschäftigen, sondern machte eilig weiter.
Sein ganzer Körper hatte diese ungewöhnlich graue Haut. Sie wirkte, als hätte sie noch nie Tageslicht gesehen, gleichzeitig war sie seltsam derb. Sein Knochenbau erschien mir außerordentlich massiv, die Muskulatur war die eines austrainierten Mannes. Er hatte kein einziges Haar an seinem Körper. Ich entdeckte ein winziges Funkgerät in seinem Ohr und zog es heraus – um erschrocken festzustellen, daß es offenbar teilweise implantiert gewesen war und ich es abgerissen hatte. Ein Kabel neben dem winzigen Lautsprecher hatte offenbar in seiner Haut gesteckt und baumelte jetzt lose herunter.
Ich riß es angeekelt ab und steckte mir den Rest selbst ins Ohr. Es funktionierte, wie ich sofort feststellte. Als ich – nicht ohne eine gewisse Abneigung – seine Sturmhaube überzog und den Helm aufsetzte, begann er, sich ein wenig zu regen.
Mir war klar, daß er mir immer noch sehr gefährlich werden konnte, denn seine Ausrüstung und seine Konstitution ließen auf eine Eliteausbildung schließen. Trotzdem widerstrebte mir der Gedanke, ihm einfach eine Kugel zwischen die Augen zu verpassen.
Ich zog den Gürtel von der Hose, die ich zuvor getragen hatte, und fesselte ihn sorgfältig. Dann zerrte ich seinen schweren Körper zu einem der grösseren Metallschränke, stopfte ihn hinein und wollte die Tür gerade schließen, als er die Augen öffnete und mich anstarrte.
Ich hätte aufgeschrien, wenn ich nicht gewußt hätte, daß man mich jetzt über Funk hören konnte. Dieser Kerl war nie und nimmer ein Mensch!
Ich schlug die Schranktür gewaltsam zu und drehte den Schlüssel, bis er sich nicht weiterdrehen ließ. Ich riß ihn heraus und warf ihn weit von mir.
Der Mann im Schrank blieb erstaunlich still, vielleicht rechnete er damit, daß ich sein Gefängnis sonst mit dem Gewehr durchsiebte. Ich richtete die Schutzmaske, ließ meine Waffe in einem Seitenhalfter verschwinden, packte das Gewehr und machte, daß ich wegkam.
Ich hatte die Uniform durchsucht und mit Freude festgestellt, daß sie noch ein paar Überraschungen enthielt. Ich hatte ein paar Granaten und eine Mine entdeckt, die mir sicher nützlich sein konnten.
Der Flur lag beunruhigend still da. Der schwere braune Teppich auf dem Boden wies an einigen Stellen große dunkle Flecken auf. Keine Spur von den Menschen, die eben noch hier gewesen waren, keine Spur von meinem Kameraden.
Mir war klar, daß er höchstwahrscheinlich nicht mehr lebte.
Ich arbeitete mich vorsichtig zur Treppe vor. Wenn ich es nach unten schaffte, konnte ich vielleicht nach draußen entkommen. Meine Tarnung war ein Vorteil – der sich schnell zum Nachteil entwickeln konnte, wenn irgendeine Spezialeinheit hier eindrang, um das Gebäude zurückzugewinnen.
Ich mußte einfach vorsichtig sein.
Der Schreck, den mir die Augen des Gefangenen eingejagt hatte, verblaßte ein wenig. Vielleicht war er einfach irgendeine Art Albino, auch seine Haut sprach dafür. Oder er litt an Gelbsucht und seine Augen waren aus diesem Grund verfärbt.
Insgeheim wußte ich jedoch, daß weder eine Pigmentschwäche noch eine Hepatitis eine Veränderung wie die, die mir da ins Gesicht gestarrt hatte, auslösen konnte.
Es war nicht nur die Farbe gewesen, die mir Angst gemacht hatte, sondern auch der Ausdruck in diesen Augen. Sie waren leer, als wäre ihm vollkommen egal, wo er war und was er getan hatte, als wäre er fremdgesteuert.
Ich schüttelte die Erinnerung ab und schob vorsichtig die Tür zum Treppenhaus auf.
Es schien alles ruhig zu sein.
„Bericht!“ bellte mein Funkgerät plötzlich und ich fuhr heftig zusammen.
„Keine Vorkommnisse!“ antwortete ich mechanisch und hoffte, den richtigen Ton getroffen zu haben.
„Stellung halten, Meldung alle zehn Minuten.“
„Verstanden.“
Ich atmete auf. Soweit, so gut.

*

Das Treppenhaus war wie alles in diesem Komplex elegant und teuer eingerichtet. Ein glänzendes Metallgeländer schlängelte sich an den teppichbezogenen Stufen entlang. Es war teilweise gläsern und erlaubte einen offenen Blick nach unten.
Ich trat durch die Tür und lauschte. Auch hier herrschte Ruhe.
Ich machte nicht den Fehler, das für ein gutes Zeichen zu halten. Wenn hier niemand wachte, mußte es andere Schutzvorkehrungen geben.
Ich setzte äußerst vorsichtig einen Fuß vor den anderen, bis ich das Geländer erreichte und blickte nach unten.
Ich wußte, wonach ich suchte und deshalb sah ich es auch sofort. Man hatte die Treppe vermint.
Auch die Sprengfallen, die hier ausgelegt worden waren, waren Armacham-Entwicklungen. Entweder hatten die die Waffenkammer des Konzerns geplündert, oder....
Nein, das war mehr als unwahrscheinlich. Allerdings hätte mich bei dem Kerl im Schrank nicht mehr gewundert, wenn selbst auf seiner Unterhose das Firmenlogo gewesen wäre.
Konnte es sein, daß sich Armacham eine kleine Privatarmee hielt, von der niemand wusste? Sollte das hier sowas wie einen Aufstand darstellen?
In jedem Fall kannte ich die Minen. Sie waren hochmodern, hatten Freund-Feind-Erkennung und registrierten jede noch so vorsichtige Annäherung.
Ich wußte, daß meine Uniform eventuell den Chip enthielt, der ihnen den Befehl gab, nicht zu detonieren, aber ich würde die Probe aufs Exempel möglichst vermeiden.
Langsam zog ich mich rückwärts wieder in die Forschungsstation zurück.
Kraftvolle Hände packten mich von hinten und ich fühlte, wie ich hochgerissen wurde. Das Gewehr entfiel meinen Händen. Ich wand mich, griff nach hinten und versuchte, mich zu befreien, aber mein Gegner war wesentlich stärker als ich. Seine Arme, an denen ich vergeblich riß, hatten sich um meinen Hals gelegt und er drückte zu. Einige Sekunden rangen wir miteinander in einem stillen, erbitterten Kampf.
Ich fühlte, wie mir die Luft ausging und warf mich nach vorn ins Treppenhaus, ließ seine Arme los, auf die Gefahr hin, daß er das ausnutzte, um mir das Genick zu brechen, und packte das Geländer mit aller Kraft. Ich hatte nur die eine Chance. Ich lehnte mich darüber, so weit es ging, was bedeutete, daß ich meinen Angreifer hochhob und sein Griff um meinen Hals mörderisch wurde, dann sprang ich und stürzte mich kopfüber nach unten. Er glitt ab und fiel zwei Stockwerke herunter, ich schaffte es irgendwie, den erbarmungslosen Ruck in meinen Armen zu überstehen und mich festzuhalten. Ich schrie auf, als er brutal durch meine verletzte Schulter ging. Der gläserne Teil des Geländers barst mit einem lauten Knall, als ich dagegenschlug und hunderte Scherben regneten auf mich herab.
Egal, ich bekam endlich Luft. Ich hing eine Sekunde lang einfach in der Luft und keuchte. Dann sah ich ungläubig, wie sich mein Gegner unten langsam erhob und aus gelbroten Augen zu mir hochblickte. Es war der Mann, den ich in den Schrank gesperrt hatte.
Er schien vollkommen unverletzt zu sein. Hilflos am Geländer baumelnd beobachtete ich, wie er sich erschreckend schnell an den Aufstieg machte. Ich griff mit schmerzenden Händen um, drehte mich und begann, mich hochzuziehen. Meine Arme zitterten vor Anstrengung. Ich schaffte es über die Brüstung und fiel auf der anderen Seite zu Boden. Er war nur noch einen Treppenabsatz entfernt und zu allem entschlossen, seine beängstigenden Augen starrten mich wütend an. Ich hatte den Eindruck, daß er nicht einmal außer Atem war.
Ich rang immer noch nach Luft und kroch, so schnell ich konnte, weg von der Treppe. Wo war dieses verdammte Gewehr?
Er nahm die letzten Stufen auf einmal, erreichte mich und holte aus, um mich zu packen. In dem Moment erinnerte ich mich an meine Waffe, rollte mich zur Seite und riß sie heraus. Wieso mußte ich immer alles so penibel sichern?! Ich schaffte es gerade noch, die Waffe schußbereit zu machen und drückte ab, als er nur noch Zentimeter von mir entfernt war. Ich traf ihn mitten in die Brust, aber er schien es nicht einmal zu registrieren. Er wurde ein wenig zurückgeworfen, griff aber unvermittelt erneut an.
Entsetzt feuerte ich mein gesamtes Magazin auf ihn ab. Er fiel, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Ich starrte ihn an und konnte nicht fassen, was ich gerade erlebt hatte.
Mit was für Gegnern hatte ich es hier zu tun?!
Ich lehnte mich gegen die Wand und zählte meine Knochen. Mein Hals schmerzte höllisch, aber ich schien an ernsthaften Verletzungen noch einmal vorbeigekommen zu sein.
Ich ließ meinen Blick über die Stufen gleiten und sah die Minen, die sich zwischen mir und den Stockwerken weiter unten befanden. Wenn der Chip in der Uniform gewesen wäre, hätten sie hochgehen müssen, als mein Gegner an ihnen vorbeigerannt war. Ich konnte also davon ausgehen, daß ihm das Ding implantiert worden war wie Teile seines Funkgeräts.
Das bedeutete, daß ich entweder seine Leiche danach absuchen, ihn mitschleppen oder den Aufzug nehmen mußte.
Mein Bedarf an Blut war für heute gedeckt und ich zog es vor, den Leichnam unberührt zu lassen. Ich versteckte ihn sorgfältig, damit niemand auf die Idee kam, daß sich ein Kuckucksei im Nest befand. Das Sturmgewehr war unter einen Schreibtisch geglitten. Ich überprüfte es, während ich den Aufzug rief.
Was für eine verrückte Situation! Hier stand ich, bis zu den Knien in Blut im fünften Stock eines leergefegten Gebäudes, ausgerüstet wie ein Elitekämpfer – und rief den Lift. Ich hätte mich genausogut an eine Bushaltestelle stellen und brav auf den Linienbus warten können.
Die Kabine kam mit einem ironisch sanften Klingeln und die Türen schwangen auf. Ich hatte unwillkürlich das Gewehr gehoben und mich schußbereit gemacht, aber sie war leer - und voller Blut. Widerwillig stieg ich ein und drückte den Knopf für das Erdgeschoß. Er reagierte nicht.
Ich probierte den darüber, aber auch dieser funktionierte nicht. Mal wieder typisch.
Wenn ich in der Wüste eine Flasche Wasser finden würde, hatte sie garantiert ein Loch.
Ich drückte wahllos alle Knöpfe. Keiner leuchtete auf.
Ich seufzte und begann, mich mit dem Gedanken anzufreunden, den Schacht hinabzuklettern, als die Kabine sich mit einem Ruck in Bewegung setzte.
Es ging abwärts und ich war nicht sicher, ob ich mich freuen oder fluchen sollte. Vielleicht hatte doch einer der Knöpfe funktioniert – dann war es gut, daß sich der Fahrstuhl bewegte. Vielleicht aber war er gerufen worden... dann würde ich sehr bald demjenigen gegenüberstehen, der das getan hatte.
Ich ging vorsichtshalber vom Schlechteren aus, drückte mich an die Seitenwand, so daß mir die schwere Schiebetür leidlich Schutz bieten würde, und legte die Waffe an. Kein Laut kam über mein Funkgerät.
Die Kabine blieb holpernd stehen und ich spannte mich. Die Türen schoben sich zur Seite und ich starrte entgeistert in das Gesicht eines fetten rothaarigen Kerls in einem unmöglichen Hawaihemd und lebensgefährlich enger Hose, über die sich sein Bauch wie ein übervoller Luftballon spannte. Seine Schweinsäugelchen starrten entsetzt aus dem fleischig-rosanen Gesicht auf den Lauf meiner Waffe und er stolperte wenig elegant zwei Schritte rückwärts, irgendetwas unsinniges stammelnd.
Ich senkte die Waffe und wollte ihn beruhigen, aber er drehte sich überraschend behende um und rannte watschelnd davon. Ich zuckte mit den Schultern und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
Es verging mir augenblicklich, als sich die Türen des Fahrstuhls unverhofft wieder schlossen und meine unfreiwillige Fahrt nach unten sich fortsetzte.
Ich hatte gerade genug Zeit, mich wieder an die Wand zu drücken, als er auch schon zum Stehen kam und die Türen sich mit sanftem Klingeln aufschoben.
„Keine Bewegung!“ schrie mich jemand an und diesmal war es an mir, in den Lauf eines Gewehrs zu starren. Es gehörte zu einem Soldaten in SSEG-D-Uniform, der vor mir stand und mich wildentschlossen avisierte. Ich hob sehr langsam die Hände. Er war in Begleitung eines Teams, das gerade dabei war, eine düstere Halle zu sichern und nun die Waffen auf mich richtete. Ich wußte, daß sie mich für einen Feind halten mußten und nur zu gern kurzen Prozeß mit mir machen würden, wenn ich ihnen Grund dazu gab. Sie machten einen äußerst nervösen Eindruck.
Ich zog es vor, zu schweigen und sie möglichst nicht zu reizen.
Er wollte mich gerade entwaffnen, als ein unbändiger Schmerz in meinem Kopf losbrach und mich beinahe zusammenbrechen ließ. Ich sah, wie der Soldat sich von mir abwandte, seine Waffe hochriß und schoß, dann hörte ich wie aus weiter Ferne, daß auch seine Kameraden aus allen Rohren feuerten. Der Fahrstuhl schloß sich und ich sank keuchend vor Schmerz an der Wand entlang herunter. Ich hatte das Gefühl, daß mein Schädel bersten müsse.
Ich hörte ein Geräusch, als dröhne ein übersteuerter Lautsprecher. Zunächst glaubte ich, mein Funkgerät hätte einen Fehler, dann aber wurde mir klar, daß es in meinem Kopf war, nicht um mich herum. Es wurde immer lauter, bis es nervenzerfetzend war und ich meinen Kopf verzweifelt in meine Hände presste.
Vor meinen Augen tanzten wirre Bilder und ich glaubte, über dem Dröhnen ein Flüstern wahrzunehmen, ohne es zu verstehen. Ich sah unscharf ein Gesicht ganz nah vor mir und der Schmerz verstärkte sich.
Ich schloß die Augen.

*

Ich erinnerte mich einfach nicht an den Namen des Wissenschaftlers, mit dem ich mich so gern über die neuesten Errungenschaften der armachamschen Waffentechnologie unterhalten hatte. Er stand neben mir und lächelte über irgeneinen Witz, den ich gemacht hatte. Ich blickte auf den Becher Kaffee herunter, den ich in der Hand hielt und pustete hinein, weil er noch zu heiß war.
„Sie ist wirklich erstaunlich. Sehr leicht. Kaum Rückstoß. Und sie hat genug Power, um so ziemlich jede Panzerung locker zu durchbrechen. Wir sind noch in der Testphase, aber wenn sie soweit ist...“
Die Waffe, über die wir uns unterhielten, sah aus, als wäre sie aus irgendeinem Science-Fiction-Film entsprungen. Ich wusste nicht genau, wie sie funktionierte, nur, daß sie nicht mit gängiger Munition schoß, sondern eine Art Energiestrahl abgeben konnte, der offensichtlich heftige Verbrennungen zur Folge hatte, denn die Ziele auf der Schußbahn sahen ziemlich mitgenommen aus.
Ich hätte was dafür gegeben, sie mal in Aktion zu sehen, aber mir war bewußt, daß ich eigentlich überhaupt nicht hier sein durfte. Zum einen war es mit verboten, den Testbereich zu betreten, zum anderen war mindestens die Hälfte der Waffen in diesem Bereich noch geheim, doch es interessierte niemanden hier unten wirklich, ob ich einen Blick warf oder nicht.
„Sie sehen aus, als würden Sie sie am liebsten gleich mit nach hause nehmen,“ grinste mein Gegenüber und ich lächelte zurück.
„Meine Allerwerteste würde mich postwendend vor die Tür setzen, wenn ich mit einer Waffe nach hause käme,“ scherzte ich, „und bei diesem Ding würde sie die Polizei anrufen.“
„Sie hätte Recht damit. Ich mach' sie mal an, dann können Sie sich eine Vorstellung davon machen, wie mächtig das Teil ist.“
Er hatte etwas von einem Kind, das einem anderen stolz sein neuestes Spielzeug vorführte. Ich sah gespannt zu, wie er den Schalter umlegte und lauschte auf das leise, hohe Summen, mit dem die Waffe sich zu Wort meldete.
„Ich darf sie jetzt nicht abfeuern, deshalb lasse ich sie gesichert, aber Sie dürfen sie gern mal in die Hand nehmen.“
Er hatte mir noch nie erlaubt, eine seiner Entwicklungen zu berühren und ich fühlte mich geehrt. Vorsichtig nahm ich sie. Er hatte recht, sie war wirklich leicht, was angesichts ihrer beachtlichen Ausmaße überraschend war. Ich hob sie an und zielte.
Sie explodierte direkt vor meinem Gesicht. Ich fühlte keinen Schmerz, es war nur ein dumpfer Schlag und ich stellte verwundert fest, daß ich fiel. Ich sah, wie ich im Stürzen den vor mir stehenden Kaffebecher umwarf und die braune Flüssigkeit in alle Himmelsrichtungen spritzte. Dann verschwamm die Welt vor meinen Augen.

*

Mit einem Mal war es vorüber. Ich kauerte schweißüberströmt auf dem Boden der Kabine, das Sturmgewehr lag neben mir auf dem Boden. Ich verstand die Erinnerungen nicht, die in mir zu erwachen schienen. Waren sie real? Oder waren es einfach Alpträume...?
Ich war angeschossen worden, als ein Unbekannter versucht hatte, mir mein Auto zu rauben, meine Verletzung stammte nicht von meiner Arbeit. Zumindest hatte man es mir so erzählt. Ich hatte keinen Grund, es nicht zu glauben.
Ich schüttelte den Kopf und atmete tief ein.
Die Türen des Fahrstuhls waren immer noch geschlossen.
Etwas stimmte nicht.
Es war zu still.
Totenstill.
Ich zog mich mühevoll an der Wand hoch und packte die Waffe. Dann lauschte ich. Kein Laut erklang hinter den Türen - aber da war wieder dieses Tropfen, schwer, langsam, stetig. Ich wollte nicht wissen, was geschehen war. Ich wünschte mir, die Kabine nicht verlassen zu müssen.
Ich drückte widerstrebend den Türöffner und sah zu, wie sich der Fahrstuhl öffnete. Das betont sanfte Klingeln kam mir wie ein gemeines Kichern vor. Dann sah ich, was geschehen war.
Fassungslos stolperte ich rückwärts gegen die Wand der Kabine und riß mich gewaltsam zusammen, um mich nicht zu übergeben.
Das konnten keine Soldaten getan haben. Ich wußte überhaupt nicht, was zu so etwas in der Lage war. Von den Männern, die mich eben hatten gefangennehmen wollen, war so gut wie nichts mehr übrig.
Es war, als hätte etwas sie von innen heraus explodieren lassen. Der Raum war bis zu seiner hohen Decke hinauf blutbesudelt. Es tropfte hinunter, langsam, schwer, stetig.
Die Türen schlossen sich erneut und ich drückte panikartig auf den Knöpfen des Fahrstuhls herum, um ihn irgendwie in Bewegung zu setzen. Nur weg hier...!
Das sture Ding bewegte sich nicht. Ich fluchte innerlich und lehnte mich einen Moment an die Wand, um einen klaren kopf zu bekommen.
Wenn das, was die Männer getötet hatte, noch dort draußen war, würde ich der nächste sein, den man von der Wand kratzen konnte. Allerdings war ich hier in meiner Kabine auch nicht gerade sicher.
Wenn ich überleben wollte, mußte ich sehen, daß ich dieses verfluchte Gebäude verließ.
Ich riß mich zusammen und drückte den Öffner erneut. Langsam verließ ich den Fahrstuhl. Der Blutgeruch erschlug mich schier. Ich drückte mich an der Wand entlang auf den Ausgang zu und bemühte mich, nicht nach unten auf die Überreste zu blicken. Die Halle war gut fünf Meter hoch und hatte eine Empore mit dem üblichen gläsernen Geländer. Es hatte nicht so viel von der Sauerei hier abbekommen und ich richtete meine Augen darauf.
Eine plötzliche Bewegung dort oben ließ mich erstarren. Zunächst traute ich meinen Augen nicht. Es war ein Kind. Ein blasses, dunkelhaariges Mädchen in einem kurzen roten Kleid. Wie war sie in diesen Schlamassel geraten?
Vielleicht war sie die Tochter einer Mitarbeiterin und hatte ihre Mutter heute zur Arbeit begleitet? Großer Gott, was mußte in ihr vorgehen...
Ich packte schnell meine Waffe weg und zog Helm,Maske und Sturmhaube aus, um sie nicht zu erschrecken. Sie sah mich vollkommen ausdruckslos an, wahrscheinlich stand sie unter Schock.
„Hab keine Angst, ich tue Dir nichts!“ rief ich leise. „Wie heisst Du?“
Sie stand einfach nur da, blickte zu mir herunter und antwortete nicht.
„Ich möchte Dir helfen, verstehst Du mich?“ fragte ich eindringlich und langsam, „Bleib stehen, wo Du bist. Hab keine Angst. Ich suche nach Dir, okay? Ich bringe Dich nach hause. Verstehst Du?“
Keine Reaktion. Sie schien beinahe geisterhaft.
Ich zog gerade die Sturmhaube wieder über, als ich mir meines Fehlers gewahr wurde. Das Funkgerät rauschte kurz, dann bellte jemand Befehle. Ich hatte vergessen, daß sie mich hören konnten, so wie ich sie. Wenn ihnen jetzt nicht klar war, daß jemand mithörte, der in ihrem Funkverkehr nichts zu suchen hatte, mußten sie schon taub sein. Vielleicht waren sie bereits auf der Suche nach mir.
Ich riss es aus meinem Ohr, warf es weit weg, schob den Helmwieder über meinen Kopf und machte, daß ich zum Ausgang kam.
Als ich nach oben blickte, ehe ich den Raum verließ, war die Kleine verschwunden. Ich mußte sie finden. Der Gedanke, daß ein Kind durch diesen wahrgewordenen Alptraum geisterte, war die Hölle.

*

Die Waffe im Anschlag tastete ich mich vorwärts. Das Stockwerk, auf dem ich mich befand, war beinahe vollkommen dunkel, da es fast keine Fenster gab und die meisten Lichter nicht mehr funktionierten. Ich passierte viele kleine Parzellen, in denen sich einzelne Büros befanden. Hier hatte ein heftiges Feuergefecht stattgefunden.
Die Monitore der Computer waren zerschossen und überall in den Wänden waren Einschußlöcher. An einigen Stellen waren Spuren eines heftigen Brandes zu erkennen. Doch bis auf einige Blutflecken gab es auch hier keine Spur von den Menschen, die noch vor kurzem an diesem Ort gearbeitet haben mußten.
Mein Blick blieb an einem Becher mit Kaffee hängen, der auf einem Schreibtisch stand, nicht einmal halb ausgetrunken.
Es war genauso ein Becher, wie ich ihn vom Tisch gefegt hatte, als... Wenn es überhaupt passiert war.
An der Wand neben dem Schreibtisch hing eine bunte Kinderzeichnung, die wohl eine Familie mit Kind darstellen sollte. In ungelenken Worten hatte jemand „Mama, Papa und ich“ darauf geschrieben. Zittrige Pfeile wiesen darauf hin, wer wer war. Einige Buchstaben waren spiegelverkehrt. Eine überdimensionale Sonne lachte schief auf die drei hinab und ein krummer Vogel flog über einen geradezu gnadenlos blauen Himmel mit verunglückten Wolken. Ob hier Mama oder Papa gearbeitet hatte? Hoffentlich war sie oder er heute krank gewesen und zuhause geblieben.
Ich sah den großen dunklen Fleck auf dem Teppich vor meinen Füßen und wußte, daß meine Hoffnung sinnlos war. Mama oder Papa würde heute abend nicht nach hause kommen.
Mit stummer Wut ging ich weiter, immer auf der Suche nach einer Treppe ins Obergeschoß.
Dann hörte ich Schüsse. Ich verkroch mich schnell unter einem der Schreibtische in der Dunkelheit und nahm das Gewehr in Anschlag. In einiger Entfernung ging es offenbar richtig zur Sache.
Ich mischte mich nicht ein, sondern wartete geduldig, bis die Schüsse verstummten. Wenn ich in dieser Uniform versuchte, den eindringenden Teams zu Hilfe zu eilen, schossen sie wahrscheinlich augenblicklich auf mich.
Ich hörte den Einschlag einer Granate und dann wieder heftiges Feuer. Dann war plötzlich Ruhe. Ich spannte mich und horchte. Lange geschah gar nichts. Dann sah ich einen Lichtfleck über die Wände tanzen. Er wurde größer, dann verschwand er.
Ich hörte leise Schritte ganz in der Nähe meines Verstecks. Es schien nur ein Mann zu sein. Er blieb stehen und sicherte in den Gang neben mir. Ich war bereit, sofort zu schießen, wenn er mich entdeckte, egal, welcher Seite er angehörte.
Ich spürte, wie er näher kam und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ich empfand dasselbe Gefühl, das der Mann ausgelöst hatte, der sich oben um den Forscher „gekümmert“ hatte. Ich preßte das Gewehr gegen meine Schulter und hielt die Luft an.
Dann sah ich ihn. Er bewegte sich mit äußerster Vorsicht vorwärts. Seine Uniform war nicht die des Feindes, aber auch keine einer mir bekannten Einsatzgruppe.
Ich war unschlüssig.
Sollte ich feuern?
Ihn weitergehen lassen?
Er stockte mitten in der Bewegung und senkte seine Waffe etwas. Ich versuchte zu erkennen, was ihn irritierte, aber aus meinem Versteck konnte ich es nicht sehen. Das Funkgerät summte in meinem Ohr und ich schüttelte unwillig leicht den Kopf, um das Geräusch loszuwerden, als mir bewußt wurde, daß ich es ja weggeworfen hatte. Was hörte ich dann?!
Ich blickte auf und sah, daß auch er die Hand zu seinem Helm gehoben hatte, als störe ihn etwas. Dann ging er sehr leise an meinem Versteck vorbei und verschwand.
Ich wartete, bis ich seine Nähe nicht mehr deutlich fühlen konnte, dann kroch ich hervor und linste hinter ihm her. Er hatte den Eingang zu der Halle erreicht, in der die Überreste des SSEG-D-Teams lagen und ging hinein.
Ich konnte mir vorstellen, daß er eine Weile abgelenkt sein würde und nutzte den Moment, um in entgegengesetzter Richtung weiterzuschleichen. Ich betrat einen weitläufigen Büroraum.
Wer immer der Kerl war, er hatte ganze Arbeit geleistet und ich hatte offensichtlich gut daran getan, ihn nicht anzugreifen, denn wir standen auf derselben Seite, wenn auch seine Uniform mir nichts sagte. Er hatte ein komplettes Team des Feindes im Alleingang ausgeschaltet, wenn ich die Spuren richtig deutete.
Wenn ich daran dachte, welche Schwierigkeiten ich mit einem einzigen derartigen Gegner – noch dazu unbewaffnet und beinahe unbekleidet – gehabt hatte, war das eine geradezu unvorstellbare Leistung.
Das Kind! Ich hatte beinahe vergessen, was ich gerade vorgehabt hatte.

*

Ich konnte mich in dieser Sektion fast vollständig frei bewegen, denn der seltsame Einzelkämpfer hatte eine Spur der Verwüstung durch die feindlichen Linien gezogen. Trotzdem blieb ich aufmerksam und vorsichtig. Ich erreichte die Treppe. Sie schien keine unangenehmen Überraschungen bereitzuhalten und ich schaute hinunter. Eine Sekunde lang blitzte der Gedanke in mir auf, daß der Fluchtweg frei war und ich nur noch laufen mußte, aber ich schob ihn beschämt beiseite.
Dieses kleine Mädchen ging mir nicht aus dem Kopf und ich durfte sie hier nicht verrecken lassen. Ich mußte sie finden.
Wieso hatte ich Idiot sie nach ihrem Namen gefragt? Ich hätte ihn ja ohnehin nicht behalten können, dachte ich grimmig, als ich nach oben stieg.
Auch in diesem Stockwerk reihte sich ein Büro an das andere und ich stellte verbittert fest, daß hier ebenfalls niemand überlebt zu haben schien.
Es war nicht sehr schwer, den Weg zu der Empore zu finden, auf der ich das Mädchen zuletzt hatte stehen sehen. Da ich aber nicht wußte, wo sie sich inzwischen verstecken mochte, durchsuchte ich jedes Büro gründlich und vorsichtig. Es gab keine Spur des Kindes. Ich sah das Geländer, an dem ich sie zuletzt hatte stehen sehen, am Ende des Ganges und ging langsam darauf zu. Plötzlich entdeckte ich etwas auf dem Boden.
Es waren Spuren, Fußspuren von kleinen nackten Füßen, die in Blut getreten waren. Ich starrte sie entsetzt an und folgte ihnen zu der Empore.
Ich war abgelenkt und unvorsichtig – und starrte völlig überrascht in das Gesicht einer hübschen Asiatin in Kampfanzug, die ein Stockwerk weiter unten mit einem Team den Ort des Geschehens zu untersuchen schien. Ich hatte nicht die Zeit, darüber nachzudenken, wo sie auf einmal hergekommen sein mochte, denn ihre Begleiter schossen sofort. Das Glas des Geländers splitterte explosionsartig.
Ich spürte einen heftigen Aufschlag auf Brust und Kopf und stürzte hintenüber. Ein paar furchtbare Minuten lang lag ich auf dem Rücken, starrte hilflos an die Decke und rang qualvoll um Luft, ehe mir langsam klar wurde, daß ich nicht ernsthaft verwundet war.
Die Panzerung meiner Uniform hatte das schlimmste abwenden können und bis auf einen Streifschuß an meiner ohnehin lädierten Schulter und ein paar üblen Prellungen an meinen Rippen schien nichts passiert zu sein.
Ich hörte sie unten reden und kroch vorsichtshalber von dem Geländer weg, ehe ich mich aufsetzte. Ich lehnte mich in sicherer Entfernung an die Wand und nahm den Helm ab. Er war verbeult, aber er hatte mir das Leben gerettet. „Danke Armacham“, dachte ich erleichtert, dann kehrte meine Bitterkeit zurück. „Ach ja, und danke für das Stück Gehirn, das mir fehlt. Und für die perfekten Waffen, die diese Mistkerle haben. Und für ihre perfekte Ausrüstung. Danke, Armacham.“
Als ich auf den Boden vor mir blickte, stellte ich fest, daß die blutigen Fußspuren verschwunden waren. Einen Moment lang zweifelte ich an meinem Verstand.
Nein, ich hatte sie mir nicht eingebildet! Sie waren eben noch dort gewesen! Was ging hier vor sich, verdammt?!
Mühsam richtete ich mich vollends auf und setzte meine Suche nach dem Kind fort, diesmal sehr darauf bedacht, von unten nicht gesehen zu werden. Ich durchkämmte das gesamte Stockwerk ohne Erfolg, sie blieb verschwunden, als hätte sie sich genauso in Nichts aufgelöst wie ihre kleinen roten Fußabdrücke auf dem kalten Boden.
Vielleicht hatte ich sie mir tatsächlich eingebildet? Vielleicht funktionierte mein Kopf in einer solchen Situation doch nicht mehr, wie er sollte? Vielleicht hatte ich doch dieses „Poststreßtrauma“, oder wie immer das nochmal hieß.
Ich dachte an das ernste blasse Kindergesicht und war mir sicher, es wirklich gesehen zu haben. Wenn sie weggelaufen war, konnte sie inzwischen fast überall sein.
Wieso mußte dieser verflixte Kasten so riesig und verwinkelt sein? Wohin würde ich laufen, wenn ich ein verstörtes Kind wäre, das nur Tod und Verwüstung um sich vorfindet?
Ich gab es auf. Ich wußte nicht, wohin sie verschwunden war.
Ich hörte leise Stimmen und Schritte auf mich zukommen. Der Art nach, wie sie sprachen, waren es die Leute, die eben auf mich gefeuert hatten. Wollten wohl sichergehen, daß sie mich auch erwischt hatten.
Ich hatte für heute genug eingesteckt, auf eine direkte Konfrontation würde ich es nicht noch einmal ankommen lassen. Die schossen ja ohnehin, bevor sie Fragen stellten.
Ich entfernte mich in die entgegengesetzte Richtung – und fand mich in einer Sackgasse wieder.
„Hier ist niemand!“ hörte ich einen Ruf bei der Empore.
„Ich hab den voll erwischt!“ klang es von unten.
„Kein Blut.“
„Verflucht!“
Als es danach vollkommen still wurde, wußte ich, daß sie begonnen hatten, mich aufzustöbern. Ich würde sie jetzt erst wieder hören, wenn es zu spät war. Ich mußte hier weg.
Fieberhaft suchte ich einen Ausweg. Der Weg zur Treppe war versperrt und hier gab es nur Büros. Kaum eine Möglichkeit, sich zu verstecken. Keine Fenster, um nach draußen zu klettern.
Ich würde mich verteidigen müssen, wenn ich keinen Fluchtweg fand. Und ich würde es tun, ehe ich mich einfach erledigen ließ.
Vielleicht mußte ich endlich begreifen, daß es hier weder Freund noch Feind gab.
Ich sah einen Schatten am Ende des Korridors, nur einen Augenblick sichtbar, dann huschte er ins Dunkel des ersten Büros. Ich glitt so leise wie möglich in das hinterste.
Auch hier gab es keinen Ausweg. Nur nackte Wände, einen Tisch, einen Stuhl... ein Luftschachtgitter. Ich wusste, daß ich nur noch Sekunden Zeit haben würde, sobald sie mich hörten.
Ich hämmerte mit dem Kolben des Gewehrs dagegen. Beim zweiten Schlag gab es scheppernd nach und brach aus. Ich schaffte es gerade noch, hineinzukriechen, als hinter mir mit leise-drohendem Aufschlag auch schon eine Granate landete. Ich kroch weiter, so schnell ich konnte, aber der Druckwelle konnte ich nicht mehr entgehen.
Sie schob mich einige Meter weiter in den Schacht und presste mir gewaltsam die Luft aus den Lungen. Ich landete in einer kleinen Kammer unter einem Lüfter und blieb einen Augenblick benommen liegen. Dann hörte ich, wie jemand begann, in den Luftschacht zu kriechen.
Ich setzte mich auf und schaltete das Helmlicht ein. Wer immer in dem Schacht war, stockte. Ich hob die Mine hoch und hielt sie eine Sekunde sichtbar vor die Öffnung, bevor ich sie direkt davor platzierte. Ich hörte, wie mein Gegenüber hastig zurückkroch.
Auch ich selbst machte, daß ich wegkam, denn sie würde in mir ebenso einen Feind sehen wie in ihm. Ich hörte das leise Piepen, das bedeutete, daß sie sich aktiviert hatte und krabbelte weiter. Als ich den nächsten Schacht hinter mir hatte, hielt ich inne, um ihn zu markieren. Wenn ich mich hier drin verirrte, wollte ich nicht versehentlich in meine eigene Falle tappen.
Ich hatte mich gerade umgedreht, als hinter mir ein Schuß erklang und dann eine heftige Explosion alles erschütterte. Eine Wolke aus Staub ergoß sich über mich und ein paar Sekunden war ich blind. Als sich der Nebel aus feinen Teilchen langsam legte, gab es den Schacht, durch den ich gekommen war, nicht mehr. Diese Spinner hatten auf die Mine geschossen, wohl in der Meinung, daß ich mich noch in ihrer Nähe aufhielt.
Kopfschüttelnd wischte ich den Staub von der Schutzmaske und kroch weiter.
Zumindest hatte ich ein Problem weniger.
Und ein neues, denn die Luftschächte waren unübersichtlich und weitläufig. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Das Licht an meinem Helm war schwächlich und wenig hilfreich, ich war sicher, daß es bald komplett den Geist aufgeben würde.
Glücklicherweise litt ich nicht unter Platzangst.
Eine schiere Ewigkeit krabbelte ich wie ein Maulwurf durch die Dunkelheit, bis ich ein schwaches Licht entdeckte. Als ich es erreichte, stellte ich fest, daß es ein Gitter an der Decke eines Korridors war. Ich konnte es einschlagen und die drei Meter hinunterspringen, aber wer sagte mir, daß ich dann nicht mitten in einer feindlichen Einheit landete?
Eine flexible Optik wäre hilfreich, dachte ich seufzend und verließ mich einmal mehr auf meine Ohren. Es war ziemlich still da unten....
Nein, da bewegte sich jemand.
Ich kroch ein wenig zurück und wartete. Ein paar Sekunden später machte ich drei Kreuzzeichen, daß ich nicht einfach heruntergesprungen war.
Es war eine komplette gegnerische Einheit, die sich beinahe lautlos den Gang hinunterbewegte, und ich hatte nicht übel Lust, ihnen eine Granate als kleine Aufmerksamkeit hinabzuwerfen. Ich war natürlich nicht lebensmüde genug und verhielt mich still. Ein massiv gepanzerter, hühnenhafter Kerl folgte ihnen. Er sah aus, als hätte man ihn direkt aus irgendeinem schlechten Science-Fiction-Film importiert und ich konnte mir vorstellen, daß seine martialische Erscheinung nicht nur Show war. Typen wie mich verspeiste der wahrscheinlich zum Frühstück. Mein Blick fiel auf die Waffe, die er in Händen hielt und ich erstarrte.
Es war eine exakte Kopie der Waffe, die ich in meinem verrückten Traum gesehen hatte. Wenn es die Waffe wirklich gab...
Der Kerl hielt inne und hob abrupt den Kopf. Sein Helm hatte ein integriertes Sichtgerät, keine Ahnung, was es alles konnte, vielleicht war es ein einfacher Restlichtverstärker, vielleicht auch ein Wärmesichtgerät. Drei kaltglänzende bläuliche Linsen starrten mich direkt an.
Vielleicht hatte er etwas gehört, vielleicht konnte er mich auch riechen, egal, ich mußte weg! Wie in Zeitlupe sah ich ihn die Waffe heben und schob mich mit aller Kraft rückwärts. Dann bekam ich die Demonstration, die mir damals im Testbereich entgangen war. Ein schrill zirpendes Geräusch erklang und das Gitter flog mir weißglühend um die Ohren. Ich konnte nur noch die Arme schützend über den Kopf legen.
Ich hörte, wie die Waffe unten sich summend wieder auflud und krabbelte schnellstens weiter zurück, keine Sekunde zu früh, denn ein gleißender Blitz durchfuhr den Schacht an der Stelle, an der ich gerade noch gelegen hatte und hinterließ ein mannsgroßes Loch direkt vor mir. Einen Augenblick sah ich meinen Gegnern perplex ins Gesicht, dann floh ich wie ein Kaninchen weiter in den Luftschacht hinein, dicht gefolgt von ihrem Feuer. Ich schaffte es in einen der steinernen Verteiler und für einen Moment war Ruhe. Dann hörte ich mit Entsetzen direkt unter mir das Aufladen der Kanone und warf mich in einen seitlich abgehenden Schacht. Hinter mir brannte eine Zehntelsekunde später die Luft. Ich hatte das Gefühl, daß meine Füße auf eine Herdplatte geraten waren, als ich sie schnell an meinen Körper heranzog und weiterkroch. Das nächste Ladegeräusch beflügelte mich regelrecht, aber diesmal hatte mein Gegner meinen Weg berechnet und der Treffer ging dicht vor mir durch den Schacht, so daß ich mit entsetztem Aufschrei in der Bewegung stockte und einen Moment lang blind war.
Mir war klar, daß ich verloren war. Ich konnte weder vor, noch zurück. Ich hörte das erbarmungslose Surren der Waffe, die sich erneut schußbereit machte. Meine Hand tastete nach den beiden Granaten, die ich noch besaß. Sie würden mich sehr wahrscheinlich ebenfalls erwischen, wenn ich sie hier fallenließ, aber wenn ich ohnehin sterben mußte, würde ich dieses Monster da unten mitnehmen – und möglichst viele seiner Kameraden.
Ich riß die erste heraus und warf sie hinunter, die zweite sofort hinterher. Ich hörte einen Aufschrei unter mir, der nichts menschliches hatte und schloß die Augen.
Dann brach die Hölle los.

*

„Das glaubt mir doch kein Mensch. Jedes Kind sieht, daß das keine normale Schußverletzung ist.“
„Dann laß Dir eben was einfallen.“
„Wieso kümmert Ihr Euch nicht selbst um das Problem? Wenn ich das richtig sehe, ist er gut versorgt worden. Wir verstehen nichts von Euren Methoden hier. Wer garantiert mir, daß der nicht aus seinem Krankenzimmer hopst und zu einem Alien mutiert?“
„Es ist doch so einfach. Ihr müsst nur tun, was Ihr sonst auch tut. Wir haben Euch sogar schon die ganze Arbeit abgenommen. Das hier ist kein Krankenhaus, Max. Ich kann ihn nicht hierbehalten und das weißt Du.“
„Du kannst ihn nicht hierbehalten, weil der Kerl Euch auf mehrere Millionen verklagen würde, wenn er wüßte, was Ihr mit ihm angestellt habt.“
„Also, was willst Du?“
„Wir sind voll und ganz quitt, wenn ich den mitnehme. Keine Forderungen mehr. Nichts.“
„Okay. Und jetzt mach voran. Das ganze hat ohnehin schon zuviel Aufsehen erregt.“
Ich schaffte es, die Augen ein wenig zu öffnen, aber ich sah nur verschwommen. Jemand stand neben mir und griff nach meinem Arm. Dann spürte ich das Eindringen einer Nadel in meine Haut. Ich schloß die Augen wieder.
Ich fühlte, daß ich bewegt wurde, Rollen quietschten unter mir und ein Gurt spannte über meine Brust und meine Beine. Langsam dämmerte ich wieder davon.

*

Meine Schutzmaske hatte einen Riß.
Er verlief schräg und gezackt von rechts oben nach links unten.
Ich betrachtete ihn verständnislos.
Langsam kehrte das Gefühl in meinen Körper zurück – und ich wünschte augenblicklich, es würde für immer wegbleiben. So mußte man sich fühlen, wenn man gesteinigt worden war.
Um mich herum regte sich nichts.
Nach und nach erinnerte ich mich, was geschehen war. Ich drehte den Kopf und sah, daß ich auf dem lag, was von diesem Monstertypen übriggeblieben war. Seine Waffe lag ein paar Meter weiter und sah aus wie eine Bananenschale – sie war offensichtlich gleich mit in die Luft geflogen, als meine Granaten explodiert waren. Von den übrigen Soldaten war nichts zu sehen.
Ich bewegte meine Zehen, um sicherzugehen, daß sie noch da waren und rappelte mich aufstöhnend hoch. Wenn ich es nach hause schaffte, würde ich zwei Wochen schlafen, soviel stand fest. Wenn.
Um mich herum sah es buchstäblich aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Ich grub mein Gewehr unter den Trümmern des nach unten gestürzten Luftschachts aus, wischte den Dreck herunter und untersuchte es. Es schien okay zu sein.
Ich zog die zersplitterte Maske aus und ließ sie einfach fallen. Dann kletterte ich unsicher über den Schutthaufen, der einmal ein Büro gewesen war, auf den Ausgang zu. Mir war wohl bewußt, daß mit mir einiges nicht stimmte, vielleicht verblutete ich gerade munter innerlich. Ich brauchte eine Pause, wenn ich es noch nach draußen schaffen wollte.
Niemand war in dem Korridor, den ich betrat. Er war spärlich beleuchtet von einer im Sterben liegenden Neonröhre. Ich schleppte mich den Gang hinunter und ließ mich erschöpft auf einen Sessel sinken, der wohl einmal die „Raucherecke“ dargestellt hatte. Ich blickte an meiner verrußten Uniform herunter und mußte grinsen. Paßte ja.
Ein paar Minuten lehnte ich den Kopf an und schloß die Augen.
Ein durchdringendes Alarmgeräusch holte mich in die Realität zurück, als ich einzuschlafen drohte. Feueralarm? Das war ja völlig lächerlich...
Die Neonröhre war ihrer Bestimmung gefolgt, aber nun erhellte ein unermüdliches gelbes Blinklicht den Gang. Ich erhob mich seufzend und stapfte weiter.
Hier sah jeder Korridor aus wie der andere. Ich kannte das Gebäude eigentlich, aber mein Orientierungssinn ließ mich im Stich. Außerdem waren hier an einigen Stellen Schutzgitter heruntergefahren, die mir den Weg versperrten. Ich irrte eine Weile ziellos umher.
Plötzlich entdeckte ich am Ende eines Ganges einen großen Raum mit mehreren Aufzügen. Ich atmete erleichtert auf und ging darauf zu. In diesem Augenblick stoppte der Feueralarm und der Flur verdunkelte sich, weil die Alarmlichter erloschen. Ich sah fassungslos zu, wie vor mir ein Schutzgitter herunterfuhr und mir den Weg zu den Fahrstühlen versperrte.
Eine Sekunde lang hatte ich nicht übel Lust, ein ganzes Magazin darauf zu verschießen. Es wäre natürlich völlig sinnlos gewesen, denn die Absperrung war massiv und würde sich dadurch nicht sehr beeindrucken lassen.
Ich wollte mich gerade abwenden, als ich eine Bewegung dahinter ausmachte. Ich erkannte die kleine Gestalt in ihrem roten Kleid sofort und machte schnell zwei Schritte auf das Gitter zu.
Das Mädchen ging langsam und zielstrebig vorbei, ohne auf mich zu achten. Sie war tatsächlich barfuß. Ich wollte nach ihr rufen, aber ich erhaschte einen Blick in ihre Augen und verstummte.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Sie bewegte sich wie in Trance und in ihrem Blick lag etwas beängstigendes. Ich nahm ein merkwürdiges Vibrieren der Luft wahr, als lade sie sich elektrisch auf.
Ich sah, wie das Mädchen sich auf ein großes Fenster zu einem Kontrollraum zubewegte und hindurchsah. „Ich weiß, wer Du bist,“ hörte ich sie flüstern und mir wurde eiskalt.
Dann verschwand sie einfach.
Ich starrte einen Augenblick auf die Stelle, an der sie gerade eben noch gestanden hatte und versuchte zu fassen, daß sie sich in Luft aufgelöst zu haben schien. Das Surren in der Luft hörte abrupt auf.
Mit sanftem Klingeln schoben sich die Türen zum Aufzug auf und jagten mir einen Heidenschrecken ein.
Die Tür zum Kontrollraum öffnete sich langsam und ich sah den Mann heraustreten, den ich bereits einmal an mir hatte vorüberschleichen sehen. Ich gab mir Mühe, im Schatten zu bleiben und beobachtete ihn.
Auch er sah sich um, als suche er jemanden. Dann bewegte er sich vorsichtig auf den offenstehenden Lift zu und stieg ein.
Die Türen schlossen sich und ich blieb allein zurück.
Ich wandte mich um und lief den Korridor hinunter. Mir war übel und ich wollte gar nicht wissen, was hier vor sich ging. Ich wollte nur noch hier raus, weg von diesem Alptraum und diesem fürchterlichen Kind mit seinen mörderischen Augen, das hier herumspukte.
Ich fand mich in der Personalabteilung wieder, als ich meine kopflose Flucht verlangsamte. Hier hatte ich mich heute morgen zurückgemeldet.
Wenn mir nur der Name des Personalchefs einfiele...
Sein Büro lag verlassen da. Eine umgefallene Schreibtischlampe spendete spärliches Licht. Ob er noch lebte?
Wohin hatten sie all die Leichen gebracht?
Ich ging vorsichtig in sein Büro und sah mich um.
Er hatte mich mit einem kühlen Lächeln begrüßt. „Wie geht es Ihnen? Schön, Sie wieder hier zu haben.“
Hatte er gewußt, was mit mir passiert war? Meine Akte hatte vor ihm auf dem Tisch gelegen. Wo konnte sie sein? Ich zog entschlossen die Schubladen seines Aktenschranks auf und suchte nach meinem Namen. Meine Finger zitterten, als ich die Akte fand und herauszog.
Mir war heute morgen überhaupt nicht seltsam vorgekommen, daß sie ziemlich umfangreich zu sein schien.
Ich ließ sie schwer auf den Tisch fallen und schlug sie auf.
Was ich suchte, fand sich bereits auf der dritten Seite.
Es war ein Unfallbericht. Ein Stempel am rechten oberen Rand kündete davon, daß er vertraulich war.
„...in Ausübung seines Dienstes in den Wirkkreis eines detonierenden Prototyps der Typ7-Partikelkanone geraten. Schweres Schädelhirntrauma, hämorrhagischer Schock, Verbrennungen dritten Grades in Gesichts - und Halsbereich.
Rekonstruktion durch die medizinische Abteilung unter Zuhilfenahme von körperfremdem Gewebe der Klassifizierung 6-1 und 2-1.
Nach Stabilisierung Transport ins städtische Klinikum. Seit einer Woche komatös.
Informationssperre empfohlen.“
Ich lehnte mich an den Tisch und atmete tief ein und aus.
Dann blätterte ich weiter.
Sie hatten meine Rekonvaleszenz genauestens verfolgt.
Sie besaßen detaillierte Daten über meine Untersuchungsergebnisse und Werte.
Mir drehte sich der Magen um.
Als ich ein EEG-Protokoll zur Seite legte, fiel ein Zettel aus der Akte. Es war ein handschriftliches Memo.

„Marshal,
Es ist mir vollkommen egal, ob sie den Jungen mögen, Sie werden dafür sorgen, daß er keinen Schritt unternimmt, von dem wir nichts wissen. Verwanzen Sie ihn, implantieren Sie ihm einen Sender, mir ist völlig egal, wie Sie es anstellen. Das Material, daß Sie ihm clevererweise haben einpflanzen lassen, entstammt in seinen Ursprüngen noch dem Ikarus-Projekt. Es wurde noch nie einem normalen Menschen implantiert und wir wissen nicht, wie er darauf langfristig reagieren wird. Ich will seine Werte monatlich auf meinem Tisch sehen. Bei Anzeichen einer Fehlfunktion neutralisieren Sie ihn unverzüglich. Sie haben zu verantworten, was geschehen ist und Sie werden sich darum kümmern.
Der Junge ist Armacham-Eigentum.“

Ich zerknüllte das Papier und ließ es fallen.

*

Ich mußte eine ganze Weile hier mit angezogenen Knien auf dem Boden gesessen haben, als ich die Schritte hörte. Lichter tanzten über die Wände. Ich legte meine Waffe beiseite und zog Helm und Sturmhaube aus.
Ich war todmüde. Es war mir egal, was weiter geschehen würde.
Eine Lampe blendete mich und jemand rief irgendetwas.
Ich reagierte nicht. Ich verstand nicht.
Sie kamen auf mich zu und zogen mich hoch, redeten auf mich ein. Ich blickte mich um und sah meine Akte vom Schreibtisch fallen, die Blätter rutschten auseinander, die Männer traten darauf, als sie mich aus dem Büro bugsierten.

F.E.A.R.-Wallpaper (Garretchen)