Cúthalion: Der Poltergeist

Silentsigh: Das expressionistische Weltbild

Silentsigh: Manfred

Spitzweg Der Bücherwurm


Stellen Sie sich einen völlig normalen Wochentag in den sechziger Jahren vor. Eine völlig normale Autowerkstatt, über deren Tor ein völlig alltäglicher Mercedesstern prangt. Und darin einen völlig normalen, uralten Mercedes-Diesel.
Einen sehr dreckigen Mercedes-Diesel.
Und vor dem Mercedes-Diesel einen jungen dunkelhaarigen Mann, sehr lang, sehr hager, und sehr beschäftigt mit dem Waschen des Mercedes Diesel.
Der junge Mann, das war mein Vater (vor meinen Zeiten). Die Autowerkstatt steht in Stolberg und trägt heute noch den Namen „Sieberts“. Und mein Vater trug damals schon den Namen Manfred.
Also, Manfred hatte den Auftrag, den dreckigen Mercedes-Diesel zu waschen. Und wie alles, was er tat, packte er dieses Problem mit Hingabe an. So aufmerksam bearbeitete er das Gefährt, dass er irgendwann auf die Idee kam, sich sogar dem rußigen Auspuff zu widmen.
Als er den Wasserstrahl des Schlauches auf den Auspuff richtete, fiel ihm auf, dass das hineinlaufende Wasser nicht wieder herauskam.
Das nun weckte seine - ausgesprochen gesunde - Neugier und Experimentierfreude: Wieviel Wasser passt eigentlich in einen Auspuff eines Mercedes-Diesel älteren Baujahres?
Wie sich herausstellte, eine ganze Menge. Aber aus einer Erkenntnis erwächst nur neue Neugier. Es musste einfach zu der Frage kommen, ob ein Mercedes Diesel älteren Baujahrs, dessen Ausuffanlage bis zum Hals unter rußigem Wasser steht, noch anspringt.
Wenn Sie meinen Vater gekannt hätten, als er etwa zwanzig war, hätten sie wohl schon so eine Ahnung, dass diese Überlegung geradewegs in die Katastrophe führen musste. Denn dass es ausprobiert werden musste, war klar.
Manfred setzte sich voll Tatendrang hinter das Steuer und liess gespannt den Wagen an.
„N-jung, n-jung, n-jung,“ machte der alte Mercedes-Diesel.
- Zweiter Versuch. „N-jung, n-jung, n-jung.“
- Dritter Versuch. „N-jung, n-jung...“ - ein ohrenbetäubender Knall erschütterte die Werkstatt. Kaum, dass er verhallt war, folgte noch etwas: ein ohrenbetäubender Schrei. Dann ging alles sehr schnell. Eine pechschwarze Gestalt tauchte hinter dem Diesel auf, in den Augen - die als einzige Körperteile weiss geblieben waren - glomm wilde Wut, und, was noch schlimmer war, in der Hand hielt sie einen Schraubenschlüssel. Und den mit offensichtlichen Absichten.
Es war einer der Kollegen von Manfred, der von ihm unbemerkt hinter dem Wagen stundenlang sorgfältig Felgen poliert hatte. Manfred hatte nicht nur seine mühevolle Arbeit buchstäblich Knall auf Fall zunichte gemacht, sondern auch jegliche Hemmung Gewalltaten betreffend.
Manfred lernte an diesem Tag zunächst, wie man einen Blitzstart aus einem alten, dreckigen Mercedes-Diesel macht. Mehrere Mechaniker hatten danach die seltene Gelegenheit, einen langen, dünnen, sehr eiligen Kerl vor einem pechschwarzen, klatschnassen, zu allem entschlossenen Verfolger ausreissen zu sehen.
Manfred entkam zwar, aber nur sehr knapp, weil er vor Lachen kaum laufen konnte. Allerdings musste er sich noch einige Zeit vor dem im wahrsten Sinne des Wortes Angeschwärzten hüten, denn der sah rot, sobald er den jungen Mann sah, der es ihm hatte schwarz vor Augen werden lassen.

Was also hat uns diese Geschichte gelehrt?
Ein alter Mercedes-Diesel wird auch mit einer Ladung Wasser im Auspuff fertig.