Silentsigh: Fearfiction

Ugly Ed: Eine wahre Geschichte

A. Dürer - Junger Feldhase

Eine wahre Geschichte

Was muss eine Geschichte enthalten, damit man ihr, besser dem Erzähler, Glauben schenkt? Oder anders herum: was darf sie nicht enthalten? Wenn Dinge zu absurd erscheinen, zu unglaubwürdig oder übertrieben. Wenn der Erzähler sich so sehr in Details vertieft, dass die Zuhörer anfangen darüber nachzudenken, ob das gesagte überhaupt möglich ist. Das beste ist, man bleibt ganz einfach bei der Wahrheit.

In einer Kneipe sitzt unser Erzähler, nennen wir ihn Fred, im Kreise seiner Kumpel und versucht seine Geschichte unters Volk zu bringen. Ein einfacher Mensch, der viel und weit unterwegs ist und auf seinen Reisen eine Menge erlebt hat. Er hat eigentlich immer eine Story auf Lager, und er kommt damit auch gut bei allen an, doch heute scheint er irgendwie ganz aus dem Häuschen zu sein. Hören wir ihm einfach mal zu.

„Also Leute, aufgepasst. Ich hatte letzte Woche ja diese lange Tour, die durch die Randbereiche. Ihr kennt sie ja, jeder von euch hat sie schon einmal gefahren und keiner hat’s gern getan, stimmt’s? Besonders wenn schlechte Bedingungen angesagt werden, wär’ man am liebsten zu Hause geblieben. Na ja, so war’s denn dann auch: Sturmwarnung Stufe 2 bis 4. Aber was soll’s, das Geld muss rein. Ich also auf den Bock, meine gute alte 750er. Die hat mich noch nie im Stich gelassen. Das werden wir schon schaffen, sagte ich mir.

Aber nun ging’s schon los. Das erste mal seit 25 Jahren, seit dem ich die Mühle besitze, wollte sie nicht anspringen. So ein Mist. Ich also zur Maschine um zu sehn, was denn los ist. Hier geschaut und da gedreht und da war er schon, der Fehler. Ein durchgenagtes Kabel. Wie in aller Welt kommt ein Nager dazu meine Mühle anzunagen. Und überhaupt: wo kommt der Nager her und wo ist er jetzt. Solange ich das Vieh nicht habe kann unterwegs sonst noch was passieren. Ich also auf die Suche. Alles hab ich auf den Kopf gestellt. Nichts. Was tun? Ich lauschte. Ein Rascheln, ein Knistern. Aha, beim Proviant. Ich hin, Deckel auf und... zwei große schwarze Augen schauen mich an. So ein Tier hatte ich bis dahin noch nie gesehen. etwa zwei Handbreit lang, ein weißes weiches Fell. Kleine, nach oben stehende Ohrmuscheln, so groß wie mein Daumennagel. Innen schimmerte rosa Haut. Der Kopf fast rund mit einer zitternden kleinen schwarzen Nase, hinter der auf beiden Seiten lange, feste Haare hervorkamen. Unter dem Körper waren vorne zwei relativ kurze, aber hinten zwei um so längere, kräftigere Pfoten. Eigentlich wollte ich den Nager rausschmeißen, dachte mir aber dann, dass er mir als seltenes Tier bei Sammlern bestimmt noch etwas einbringen würde. Aber erst nach der Tour.
Nun ging’s los. Die erste Hälfte der Tour war ruhig wie immer. Die Stürme blieben bis dahin aus, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Oskar, so hab ich den Nager irgendwann genannt, war ein ruhiger Geselle. Nagt vor sich hin und pennt. Ich dachte mir, mit seinen großen Augen kann er bestimmt gut sehen. Deshalb hab ich dann auch vorne ans Fenster gesetzt. Da saß er dann auch und blickte die ganze Zeit stur geradeaus.

Als ich dann dachte, dass es mit den Stürmen wohl doch nichts wer würde, ging’s auch schon los. Stärke 1, dann 2 und 3. Bei 4 sollte ja Schluss sein, aber es ging noch weiter, 5, 6. Langsam wird’s eng. 7 macht die Mühle vielleicht noch, aber die 8 auf der Anzeige konnte ich nicht glauben. Oskar rutschte von der einen Seite des Fensters auf die Andere, aber immer den Blick stur gerade aus. Die Mühle bringt’s nicht mehr, dachte ich und wollte schon ... da war der Sturm plötzlich vorbei. Nur die Umgebung war so ... anders. Ich musste erst mal ausruhen. Ich hielt an.

Irgendetwas zupfte an meinem Ärmel. Es war Oskar. Draußen war es hell. Zu hell für diese Gegend. Moment mal, war es überhaupt die Gegend wo ich sein sollte? Ungewohnte Farben. Und so viele verschiedene. Helles Blau, leuchtendes Gelb, strahlendes Rot, sattes Grün. Da waren Blumen, Gras und ... Bäume. Richtige, echte Bäume. Wie kommen die in diese Gegend? Und warum ist es so hell hier? Ich ging hinaus. Oskar hüpfte in großen Sprüngen vor mir her. Der Boden war irgendwie ... weich. Ich zog die Schuhe aus. Ein schönes Gefühl, Moos unter den Füßen zu spüren. Oskar mümmelte an einigen Grashalmen. Ich ging zu den Bäumen hinüber. Dort herrschte eine gewisse Unruhe. Als ich näher kam, stobte ein Schwarm flatternder Wesen auf und die dabei pfeifende Töne von sich gaben. Am Baum angelangt, sah ich, dass dort runde, teils rote, teils gelbe Früchte hingen: Äpfel, echte Äpfel. Ich nahm einen sah ihn mir an und biss hinein. Herrlich, süß und saftig. Ich stopfte meine Taschen voll. Für unterwegs. Unterwegs. Da fiel mir ein, dass ich ja eigentlich auf Tour bin und etwas zu erledigen habe. Und wo war ich eigentlich. Der aufziehende Sternenhimmel war mir absolut unbekannt. Langsam bekam ich es mit der Angst. Ich sammelte Oskar ein und rein in die alte Mühle. Maschine an und los.
Ich wusste nicht wohin. Ich war absolut planlos. Da begann auch schon wieder dieser Sturm. Wieder hinauf bis 8 und wieder plötzlich vorbei. Und ich war wieder da, wo ich vorher war. Was ... war ... das ? Egal, erst einmal die Tour zuende bringen und dann weiter sehen. Oskar saß wieder am Fenster, aber ab und zu schaute er zu mir hinüber. Seine Augen wirkten traurig.

Na ja, das war meine Geschichte." beschließt Fred seinen Bericht.
„Also," sagt Tina. „Deine Geschichten waren immer gut, sehr gut sogar. Oft hart an der Grenze, aber immer glaubwürdig. Doch was du uns jetzt vorgesponnen hast ist ja wohl der Gipfel."
„Genau," ergänzt Mike, „Das Tier, das du da gefunden zu haben meinst, ist ein Kaninchen. Oder wohl eher ein Replikat, denn Kaninchen gibt es schon lange nicht mehr. Aber mich wundert nicht, dass dir auf deinen langen Touren ein Replikat auf einmal lebendig vorkommt."
Susann fügt hinzu: „Aber das mit den Blumen, Bäumen, Blättern und Äpfeln das hast du dir voll aus den Fingern gesaugt. Womöglich willst du uns noch weismachen, dass du die alte Heimat wiedergefunden hast. Ich glaube dir kein Wort."

„Glaubt was ihr wollt. Ich versuch, wieder dorthin zu kommen. Mit Oskar," entgegnet Fred und verlässt die Kneipe. Über der Tür flackert eine Leuchtreklame. ‚Tina’s Space Drive-in - Welcome to Titan’ und hinter dem Dach schimmern die Ringe des Saturn.

Fred stampft zu seiner alten Mühle, einer SpaceMaster 750. Nicht mehr das neueste Modell eines Weltraumfrachters, aber zuverlässig. Am Fenster der Pilotenkanzel sitzt ein weißes Kaninchen und schaut ins All Richtung Erde.

In Kneipe auf dem Tisch liegt ein Apfel. Und an dessen Stengel hängt noch ein grünes Blatt.