LuvLee - Katz und Maus

Kizuta - Katz und Maus

Anne - Katz und Maus


Katz und Maus

So musste es sein, wenn man sein Augenlicht verlor. Langsam und schleichend weichen die Farben einem einheitlichen grau, Schleier und Schwaden von weißen Fäden spinnen das Auge ein, bis letztendlich nichts mehr bleibt als Finsternis. Wie in einem Alptraum verschwindet die Wirklichkeit und weicht einer schrecklichen, neuen Welt. Wie in Watte gepackt fühlt es sich an. Kalte, nasse Watte, nicht kühl, sondern eisig kalt, kalt wie der Tod. Und dieser Gestank! In das graue Einerlei mischten sich nun gelbe Wolken. Schwefel! Der Geruch treibt einem die Tränen in die Augen und der Magen dreht sich um. Außerdem bekommt man Kopfschmerzen. Naja, jedenfalls ein Lebenszeichen. Man lebt noch. Obwohl es nicht mehr viel gibt, was sich zum Leben lohnt.
Die Hand greift in die Manteltasche, glatt und irgendwie beruhigend fühlt er sich an, der Stein, dieser Unglücksstein, in Samt gepackt und gegen die Feuchtigkeit geschützt, tief unten in der Tasche des alten, schäbigen Mantels. Hatte er ihn unbedingt haben müssen? Hätte es keine andere Möglichkeit gegeben? Vielleicht sollte er ihn einfach hier ins Moor werfen. Fort, fort, nur fort damit, weg in den ewigen Morast, versunken in stinkender, ätzender Brühe. Aber würde das etwas nützen? Jetzt noch? Nein, es war zu spät, der Verfolger war hinter ihm her und er würde ihn einholen, soviel stand fest.
Ein Versteck musste her, und zwar schnell. Aber wo zum Erbauer, wo? Wieso hatte ihn sein Fluchtweg ausgerechnet in diese Hölle geführt? Hier gab es nichts, wo man sich verkriechen konnte, noch nicht einmal die wenigen Bäume, die hier standen, gaben Deckung. Tot waren sie, tot und schwarz stachen sie aus dem Boden, der sich bewegte wie ein selbstständiges Wesen.
Da- knackte da nicht ein Zweig, hörte er nicht den Jäger nahen? Spürte er schon seinen heißen Atem im Nacken? Schnell, weitergeeilt, so rasch die Füße tragen! Doch Vorsicht, Vorsicht, die Wege sind schmal, glitschige Steine und Algen bringen den Läufer zu Fall. Noch im Sturz reißt er die Arme vor, um den Fall abzufangen. Dann rappelt er sich wieder auf und läuft weiter, weiter durch den Nebel. Blind und taub für seine Umwelt, mit dem einzigen Ziel, seine Haut zu retten.
Sein Puls rast, der Atem geht stoßweise, wie lange wird sein Herz das noch mitmachen? Diese Angst, die einem den Hals zuschnürt, fast spürt er schon das Messer im Rücken. Wie Tau an einem Frühlingsmorgen das Gras mit goldenen Perlen schmückt, steht der Schweiß auf seiner Stirn. Aber der Tau ist so schön, das Licht des nahen Morgens bricht sich darin und läßt ihn in allen Farben des Regenbogens leuchten. Wird er jemals wieder die Sonne aufgehen sehen? Ihre warmen Strahlen auf seinem Gesicht spüren? In dieser Ödnis fällt es schwer daran zu glauben. Hier, wo scheinbar nie die Sonne ihre lebenspendenden Strahlen hinschickt. Dies ist das Land der Schatten, die Finsternis ist Königin, und ihre Untergebenen, Nebel und Dunst, vertreiben jeden Eindringling.
Er hat schon viele Schauergeschichten über diese Gegend gehört. Die Alten erzählen sie ihren Enkeln beim Schein des Kaminfeuers im Winter: Das schrecklich, grausame Moor. Sumpf der Toten! Viele Menschen sollen hier schon versunken sein, für immer im Moor gefangen. Bei klarem Wetter kann man ihre toten Gesichter unter der Oberfläche sehen, sagen sie. Einst soll ein Heer der Hameriten hier durchgezogen sein. Und man hat nie mehr von ihnen gehört…. Sind sie versunken, wie so viele vor ihnen? Es wird auch erzählt, dass man in den Nächten die verlorenen Seelen durch das Moor streifen sieht. Als kleine Lichter ziehen sie herum und locken ahnungslose Wanderer vom Weg fort, in die tödlichen Untiefen. Manchmal hört man auch leises Singen oder Stöhnen, die letzten Worte der Toten?
Oder ist alles Aberglaube? Fröstelnd zieht er den Mantel fester um sich.
Plötzlich schrickt der Mann zusammen. Wieder war da ein Geräusch. Er verharrt und lauscht in die Stille der Nacht. Die Angst packt ihn. Er spürt, wie sich die Nackenhaare aufstellen. Eine Ader an der Schläfe pocht hart. Nein, das hat er sich nicht eingebildet. Noch einmal lauscht er hinaus. Wirklich, da sind Schritte zu vernehmen. Die schmatzenden Laute der Schritte im nassen Boden sind deutlich zu hören. Wohin? Wohin??
In Panik schaut er sich um. Doch der Nebel hüllt ihn ein und er sieht- nichts, nur diese ewig graue Masse aus nasser Luft. Ohne sein Zutun laufen die Beine los… schneller und schneller, so schnell, wie es möglich ist. Sein Atem rast, kalter Schweiß rinnt von seiner Stirn. Angestrengt suchen die Augen nach einem Versteck, aber da ist nichts, nichts, nur das dunkle Moor und der schreckliche Nebel. Kalt greifen die Finger der Nebelschwaden nach seinem Hals. Aus dem Dunkel tauchen plötzlich Schemen auf. Wieder nur tote Bäume und Sträucher. Er stauchelt über alte Wurzeln und abgebrochene Äste, fängt sich wieder und rennt weiter. Plötzlich wird es heller. Soll das die Rettung sein? Das Ende des Moors? Die Nebel lichten sich und dann steht der Mann auf einmal mitten im vollen Mondlicht. Nach Atem ringend bleibt er stehen. Mühsam zwingt er sich zur Ruhe. Wieder lauscht er hinaus. Ein Nachtvogel erschrickt ihn mit seinem Geschrei fast zu Tode. Aber dann hört er sie wieder: Die Schritte des Verfolgers. Er kommt ihm nach! Also weiter, weiter!
Wenn nur das Moor hier zu Ende ist und er wieder sicheren Boden unter den Füßen hat. Doch dann sieht er vor sich schwarzes Wasser. Sumpfwasser! Er wendet sich nach links und rennt weiter.
Plötzlich schiebt sich eine Wolke vor den Mond und die Welt versinkt in Dunkelheit. Der Mann bleibt stehen. Wenn nun auch hier Sumpfgelände ist? Vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen und lauscht auf verdächtige Geräusche. Auf einmal greifen Hände nach ihm! Sein Herz setzt aus. Jetzt ist alles aus. Er ist in die Falle gegangen. Er fällt hart zu Boden und die Hände lassen ihn los.

Niemand fängt ihn auf, niemand reiß ihn wieder hinauf. Er liegt auf dem Boden und hält den Atem an. Doch keiner ruft ihn an, keiner flucht und schlägt oder tritt ihn. Also richtet er sich langsam auf und sieht sich vorsichtig um. Kein Mensch ist zu sehen. Da erblickt er einen alten, längst verdorrten Baum. Seine langen Äste und morschen Zweige waren es. Sie hielten ihn und zerrten an seinem alten Mantel. Fast muss er lachen. Ächzend stellt er sich ganz auf die Füße und setzt seinen Weg fort. Aber dann bemerkt er, dass seine Hosen ganz feucht sind, ja nass sogar und als er den Blick zu Boden senkt, erkennt er, dass auch hier das Wasser wieder die Erde durchtränkt. Bald kommen auch schon wieder Binsen und Schilf in Sicht und dann ist da nur wieder schwarzes Wasser, schwarzes Wasser… Der Mann seufzt und schüttelt den Kopf, ist das denn ein Irrgarten? Unsicher blickt er sich um. Also zurück? Müde dreht er sich um und geht den Weg, den er eben erst gegangen ist. An dem toten Baum wendet er sich nach rechts und stapft so leise es ihm möglich ist weiter.
Doch plötzlich erstarrt er. Da sind wieder die Schritte des Verfolgers zu hören! Der Mann steht ganz still und lauscht in den Nebel, der zurück gekommen ist. Und dann hört er die Stimme, die ihn anruft, aufzugeben und den Stein herauszugeben. Nein! Er weiß ganz genau, es ist aus mit ihm, wenn er der Stimme folgt. Der Kerl, dem er den Stein gestohlen hat, ist kein Mensch mit großem Herz anderen gegenüber, er ist erbarmungslos und ohne Mitleid. So sagt man jedenfalls.
So rennt er los, Hals über Kopf und ohne lange nachzudenken, weiter in die Richtung, in der er Zuflucht vermutet. Aber der Gegner steigert ebenfalls sein Tempo und bald ist er ihm dicht auf den Fersen.
Und plötzlich hört er die Schritte des Verfolgers nicht mehr hinter sich. Er bleibt stehen und horcht wieder hinaus in die Dunkelheit. Da ruft ihn der Gegner wieder an und der Mann läuft weiter. Er versteht nicht die Worte, hört nur noch sein eigenes Herz in der Brust schlagen wie die Glocken des Kirchturms in seinem Dorf, hört nur noch seine eigenen schnellen Schritte, das Platschen, wenn sie auf den nassen Boden trommeln, und dann nichts mehr.

Kopfschüttelnd bückt sich Garrett. Dieser alte Nichtsnutz. Warum hatte er den Stein vom Tisch genommen, als er sich nur kurz zu der schönen Amanda neigte? Dieser schmutzige, zerlumpte Kerl war ihm gleich aufgefallen. Hungrig waren seine Augen gewesen. Graue, traurige Augen, die wohl schon viel Schlechtes in der Welt gesehen hatten. Ein Bettler und Tagedieb eben. Von nirgendwo gekommen und nach Irgendwohin unterwegs. Klar, so einer klaute alles, was irgendwie interessant aussah. Vielleicht konnte er es für ein paar Münzen eintauschen und sich etwas zu essen kaufen. Dabei war dieser olle Klunker gar nichts wert. Billiges Glas war er nur. Eine Kopie, die ihm der steife Hannes gegeben hatte, damit er sie bei seinem geplanten Einbruch bei Lord Geltwiehäu gegen den großen Diamanten aus dessen Sammlung eintauschen konnte. Der Meisterdieb hob den Glasstein auf, der in einer kleinen Pfütze auf dem Boden lag. Nicht weit davon entfernt begann das Moor. Der Dieb schüttelte wieder den Kopf. Man konnte gerade noch den Saum des alten, schäbigen Mantels erkennen. Doch dann versank auch der langsam im Sumpf. Der alte Mann war schon tot gewesen, als er ihn gefunden hatte. Das Moor hatte letztendlich gewonnen. Garrett hatte noch versucht, ihn aufzuhalten, er hatte gerufen, und mit der Laterne gewunken, aber der Mann hörte nicht. Als dann plötzlich kein Laut mehr zu hören war, hatte er sich auf die Suche gemacht, aber er kam zu spät. Das Moor hatte ihm schon fast verschluckt und als er ihn herauszog, war er schon tot gewesen. Wahrscheinlich Herzversagen…
Also sollte der Sumpf ihn auch haben. Garrett nickte noch einmal zu der Stelle, die dem alten Mann zum Grab geworden war, dann drehte er sich um und ging zurück.