R.W. Strain: Die Lektion

Anne: Freitag der 13.

Anne: Der Dieb

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Der Dieb

Hell erleuchtet der volle Mond das kleine Städtchen. Am wolkenlosen Himmel glänzen Millionen von Sternen, funkeln und strahlen in der klaren Nacht. Ein lauer Sommerwind treibt durch die Straßen und bringt etwas Linderung nach einem glühend heißen Tag. Im Vorgarten des kleinen Häuschens, neben dem nördlichen Stadttor, zirpt eine Grille ihr Sommerliedchen und im hohen Birnbaum, im Pfarrgarten der großen Kirche ruft ein Käuzchen sein schauerlich klingendes "huhu, huhu". Im Dorfteich herrscht auch noch geschäftiges Treiben: Frösche quaken laut um die Wette und unermüdlich plätschert der kleine Bach über die Felsen. Doch sonst ist überall nur Stille, Stille. Nirgendwo brennt noch Licht, alle Bewohner haben sich zur Ruhe begeben. Aber fast in jedem Haus sind in den oberen Etagen die Fenster geöffnet, um die kühlen Winde der Nacht einzufangen und die aufgestaute Hitze aus den Häusern zu vertreiben...
Da plötzlich knackt es laut und dann: Dong, Dong; dumpf dröhnt die Glocke der Kirche durch die Nacht. Sie schlägt langsam, wie von der Schwere der Hitze des Tages ermattet, aber dennoch im Takt: zwölf Mal. Mitternacht, die Stunde der Diebe!
Wie auf Kommando schält sich ein Schatten aus dem Dunkel hinter einem großen Fass im Hinterhof der Braustube. Huscht auf leisen Sohlen im Schutze einer Mauer an der Kirche vorbei, überquert den Weg zum Kirchenprotal und verschwindet im Garten des Käuzchens. Niemand hat etwas gesehen, keiner hat etwas gehört. Nach kurzer Zeit taucht der Schatten wieder auf. Er hat den Garten inzwischen verlassen und schleicht nun am Dorfteich entlang. Einzig die Frösche scheinen ihn zu bemerken. Sofort stellen sie ihr Nachtkonzert ein und verstecken sich im Schilf oder springen gleich ins tiefe Nass. Doch der Schatten interessiert sich nicht für die grünen Hüpfer, sondern eilt weiter, tiefer in das Städtchen hinein. Immer in Acht und von einem Versteck zum anderen. Oft sieht er sich um, hat da was geknackt? Hat wer was gerufen? Doch nein, es war nur wieder das Käuzchen...
Vor einem herrschaftlichen Haus macht der Schatten Halt. Er lauscht wieder angestrengt in die Nacht, bevor er die Straße überquert und durch das Tor schlüpft, das durch die hohe Hecke führt, die das Gebäude vor neugierigen Blicken schützen soll. Ein Weg aus weißen Steinen führt hinter das Haus, in einem riesigen, wunderschönen Garten. Einen Springbrunnen gibt es hier und viele, viele Blumenbeete, die am Tage in allen Farben blühen. Rechts geht der Weg weiter in den Küchengarten, wo die guten Kräuter wachsen und das Gemüse. Und vor dem Küchengarten steht ein großer Walnussbaum.
Viele Nächte schon kommt der Schatten hierher und wie immer klettert er den Baum hinauf bis in die höchsten Zweige. Denn nur von hier aus hat man den Blick frei in das oberste Fenster, in das Zimmer von Lady Goldquell; Adeline Goldquell, ebenso reich, wie hübsch, wie arrogant. Aber wen kümmert schon die feine Dame? Unseren Schatten interessiert dnur eins: Das Goldstück der Lady, Ihr Herzesblut, das liebste Stück ihres weltlichen Reichtums. Dort, hinter dem Fenster, dort auf einer Säule von Marmor, in einem Tresor aus goldenen Stäben. Wie sehr dürstet es den Schatten nach diesem Schatz... Das Fenster steht wohl offen, doch es ist unmöglich, hineinzugelangen; zu glatt die Wände, ohne Sims oder Vorbau die Fassade, der Baum zu weit entfernt und auch sonst keine Möglichkeit weit und breit.
Der Schatten seufzt tief. Noch einmal blickt er sehnsüchtig hinauf zu dem Fenster, wo der Nachtwind die Gardinen sanft bewegt, dann klettert er leichtfüßig den Baum wieder hinunter und begibt sich schwermütig auf den Heimweg. Immer im Schutz von dunklen Ecken, schleicht er von Hecke zu Hecke, von Baum zu Baum, bis er die Villa erreicht hat, und dann an der Hauswand entlang zum Tor - doch halt! Was war das? Der Schatten stoppt, ein Luftzug hat seine Beine gestreift. Vorsichtig sieht er sich um, und da - wenn das mal keine Einladung ist: Im Keller ist ein Gitterfenster nur angelehnt! Der Schatten zögert keine Sekunde, schon ist er im Haus!
Dunkel ist es hier, aber es riecht gut! Das muss eine Art Voratskammer sein! Dann, als sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt haben, kann der Schatten mehr erkennen: von der Decke hängen getrocknete Pflanzen: Salbei, Thymian und Rosmarin. Wie das duftet! Und in der Ecke steht ein Fass mit Salzheringen! Ob er sich eine kleine Stärkung erlauben könnte, überlegt der Schatten und wie auf Befehl knurrt ihm der Magen. Also gut, überredet! Er probiert ein Stück vom guten Käse und dazu ein wenig von dem rauchigen Schinken, ah, wie lecker! unter einem Regal mit saftigen Äpfeln steht eine Kiste. Was da wohl drin ist? Der Schatten sieht genauer hin: Es ist Wein und eine Flasche ist hingefallen und zerbrochen, schade drum, denn auch der Wein riecht gut! Also rasch einen Schluck genommen!
Dann aber los, frisch gestärkt verläßt der Schatten die Voratskammer, zum Glück läßt sich die Tür leicht öffnen, es ist nämlich eine von diesen neuen Schwebetüren, die kaum ein Geräusch verursachen. Draußen orientiert er sich kurz und entschließt sich dann, dem Gang nach links zu folgen. Nach ein paar Schritten kommt der Schatten an eine Treppe. Von oben fällt ein schwacher Lichtschimmer durch die offene Tür auf die Stufen. Lautlos schleicht der Schatten hinauf. Er ist in der Küche angekommen. Sein Blick fällt auf blank polierte Arbeitsflächen und ordentlich aufgereihte Messer und andere Küchenutensilien. Niemand ist zu sehen, doch man kann laute Schritte hören! Schritte von genagelten Schuhen auf Steinfliesen! Das muss eine Wache sein. Rasch versteckt sich der Schatten hinter einem Regal mit Töpfen und Pfannen, da kommt der Wachmann auch schon angepoltert. Leise flucht er vor sich hin, die Schicht scheint ihm heute keinen Spass zu bereiten! Die Schritte des Wächters kommen immer näher, aber ohne das Versteck zu bemerken, geht er vorbei und die Treppe hinunter in den Keller. Jetzt oder nie! Flink wie ein Wiesel flitzt der Schatten aus seinem Versteck auf den Gang hinaus, einmal nach links, dann nach rechts und steht schon im Foyer der Stadtvilla. Eine breite Treppe, belegt mit einem dicken, roten Teppich führt nach oben zu einer Gallerie. Wel niemand zu hören und zu sehen ist, eilt der Schatten die Stufen hinauf in den 1. Stock. Auch hier ist keiner zu bermerken und es gibt genügend Versteckmöglichkeiten für den Notfall! Weiter drängt es den Schatten, er muss in die 2. Etage. Leise, leise schleicht er auf dem dicken Teppich immer an der Wand entlang. Kostbare Bilder schmücken die Wände, die mi seidenen Tapeten beklebt sind. Säulen aus weißem Marmor stützen die Decke, die kunstvoll mit Stuck verziert ist; ein Deckenbild, das eine Szene aus dem großen Buch des Erbauers zeigt, erstreckt sich über den gesamten Eingangsbereich, prunkvoll glänzt in der Mitte ein riesiger Leuchter aus reinem Kristall.
"Typisch Reiche", denkt der Schatten, "immer müssen sie mit ihrem Geld angeben und sich damit schmücken. Alles muss glänzen und glitzern!"
Plötzlich schreckt er auf: irgendwo singt ein Mensch! Der Schatten hat gerade noch Zeit, sich hinter einem großen Eichenschrank, der mit kunstvollen Schnitzereien verziert ist, zu verbergen, da öffnet sich auch schon eine Tür, und ein Mann tritt aus einem Zimmer auf den Gang hinaus: es ist Lord Goldquell! Fröhlich vor sich hinsummend kommt der Lord genau auf den Schrank zu, aber dann biegt er zur Treppe ab und geht hinunter in die Eingangshalle. Schnell, bevor der Mann zurückkommt! Der Schatten huscht aus seinem Versteck und läuft lautlos über den Teppich weiter, um die Ecke und siehe da, am Ende dieses Ganges steigt eine weitere Treppe nach oben! Schnell hinauf! Oben angekommen, sieht der Schatten sich um. Hier brennen nur einige Gaslichte und aus einem Zimmer, dessen Tür offensteht, fällt ein heller Schein auf den Flur hinaus. Da keine Wache weit und breit zu sehen ist, schleicht der Schatten zu dem Zimmer und riskiert einen Blick. Es ist der richtige Raum! Durch das neue helle, elektrische Licht, den Mechanisten sei Dank, erkennt der Schatten es genau! Der kunstvoll geknüpfte Gobelin mit der Jagdszene an der Wand, gegenüber dem Fenster, durch welches der Schatten so oft schon das Objekt seiner Begierde betrachtete! Und vor dem Wandteppich, mit einem Tuch aus blauem Samt für die Nacht abgedeckt, der Käfig mit den goldenen Stäben, in dem der Schatz ruht! So leise wie möglich geht der Schatten in das Zimmer, jetzt nur nichts überstürzen! Mit raschem, sachkundigen Blick vergewissert sich der Dieb, dass nicht etwa eine Alarmanlage oder sonst eine Teufelsmaschine der Mechanisten das Goldstück schützt. Dann hebt er das Samttuch an und öffnet mit einem Hieb das Türchen, das war ja leicht, schon wähnt sich der Schatten am Ziel seiner Träume...als -
Ein heller, kreischender Ton zerreißt die Stille! Vor Schreck prallt der Schatten zurück, dabei verheddert er sich in dem Tuch und als er die Flucht ergreifen will, schlägt das Türchen zu und klemmt den Stoff ein. Mit lautem Getöse fällt der Goldkäfig samt Schatz und Dieb zu Boden und rollt auf die Tür zu. Im Türrahmen steht die Sirene! Äh, Lady Adeline, die wie am Spieß schreit, seit sie den Eindringling entdeckt hat. Hastig befreit sich der Schatten von dem samtenden Tuch, das ein Eigenleben entwickelt zu haben scheint und drängt dann eiligst an der entsetzten Lady vorbei zur Tür hinaus. Wo war jetzt nochmal die verfluchte Treppe?
Immer ein paar Stufen auf einmal nehmend, springt der Schatten die Treppe hinunter, rast über den dicken Teppich den Gang entlang zur Galerie. Doch dort erwartet ihn ein weiterer Schrecken: Alarmiert durch das Gekreische der Lady stürmt eine wilde Horde Wachmänner die breite Treppe hinauf. Angeführt von einem aufgebrachten Lod und Ehemann, im Auftrag zum Schutz und Wohle seiner holden Gattin, die oben auf der Treppe zum 2. Stock steht und Zeter und Mordio schreit. Wohin??? An Verstecken ist nicht zu denken, schon hat man den Schatten dentdeckt und stürmt wütend auf ihn los. Also Augen zu und durch! Der Schatten stürzt sich in die Schlacht, weicht hier einem Schwert aus und da einem Fuß, duckt sich unter Schlägen hindurch und rettet sich zum Schluss auf das Geländer der breiten Treppe, die ins Erdgeschoss führt. Hui, geht die Fahrt nach unten. So ein Treppengeländer ist doch eine prima Rutsche!
Unten angekommen rennt der Schatten los, links - rechts, hier muss doch die Küche sein? Da kommt ein Nachzügler der Wachmannschaft. In der rechten das Schwert, zum Hieb erhoben und im Mund - ein Wurstbrot! Der Gute war wohl hungrig? Also in die Richtung, aus der der Wachmann kam und dann durch die Küche, die Treppe hinunter in den Keller, ab in den Voratsraum, durch das Fenster hinaus auf den Hof! Der Schatten gönnt sich keine Pause, keine Zeit für verstecken, weg, nur weg!!! Er sprintet über den Hof, setzt mit einem wahren Hechtsprung über das kleine Blumenbeet, das den Zier- vom Nutzgarten trennt, benutzt dann die Mülltonne als Steige zur Mauerkrone, wobei sie allerdings mit lautem Scheppern umstürzt und ihren Inhalt auf die preisgekrönten Petunien ergießt und verschwindet im Nachbargarten. Durch den Spektakel, den die Tonne verursachte, aufgeschreckt, stürzen die Bewohner dieses Anwesens aus ihren Betten an die Fenster. Überall geht Licht an, es wird taghell. Irgendwo bellt wütend ein Hund und von allen Seiten tönen laute Rufe und Pfiffe!
Doch der Schatten entkommt! Verschwindet durch eine Hecke in den Stadtpark und ist fort!
Völlig zerschunden und erschlagen erreicht er wenig später sein Heim. Ausruhen in Sicherheit, nur noch ausruhen, auf seinem Lieblingsplatz liegen und die Augen schließen, das Chaos hinter sich lassen und diese Nacht so schnell wie möglich vergessen.
Stille empfängt den Schatten, ach wie gut! Trautes Heim, Glück allein! "Na, Schatten", sagt Garrett, der Meisterdieb," kein Glück gehabt heute Nacht?" Er streicht dem Schatten über den Rücken und setzt sich in seinen Sessel.
"Pah", denkt der Schatten," Morgen! Morgen ist auch noch eine Nacht! Und wer weiß, vieleicht bringt die nächste Nacht endlich das Glück. Und dann! Dann mußte der Schatz dran glauben, dieses kleine, aufgeblasene, gelbe Vögelchen in seinem goldenen Käfig!"
Müde läßt sich der Schatten auf Garretts Schoß nieder, schließt die Augen und beginnt zu schnurren.