Romanfragment

Romanfragment


Cúthalion hat diesen kurzen Ausschnitt aus Thief2 eher experimentell geschrieben.
Ich hoffe trotzdem, dass er irgendwann mal zuende geschrieben wird, weil ich ihn sehr gut finde.



»Truart ist tot.« dachte ich mir immer wieder und fügte diesen Fakt nur sehr langsam den anderen Geschehnissen hinzu. Ich konnte mich nicht konzentrieren – oder nur wenig. Am allerwenigsten war mir klar, was ich mir von unserem Rendevouz erwartet hatte. Garrett der Meisterdieb, der noch vor kurzem das Allerheiligste der First City Bank & Trust von innen gesehen hatte, ohne selbst gesehen zu werden, legte am Tisch sitzend das Gesicht in die Hände. Schon wieder konnte ich mir beim Herumsitzen, beim Denken zusehen. Ich bilde mir manchmal ein, auf diese Art etwas mehr Objektivität wahren zu können. Den Hütern hätte das sehr gefallen. Truart hätte mir sagen können, wer ihn auf mich gehetzt hat. Aber vielleicht wäre er dann selbst dran gewesen? Wenn dieser Mechanistenführer, Karras, den Sheriff mit einem Beweis für dessen illegale Aktivitäten unter Druck setzen muss, kann er nicht der sein, der mich aufrichtigen Taschendieb mit seiner Hilfe ausschalten will. Oder ist das ein Trugschluss? Und wem war der Sheriff dann im Weg? Habe ich eine Partei noch nicht beachtet? Wer ist der Kerl dort draußen, der Truart korrumpiert und dem ich im Weg bin? Ich ging etwas im Zimmer umher. Die Heiden! Hätten sie einen Grund, ihn umzubringen? Geschäfte mit den Mechanisten, quasi der Gegenseite, schienen zwar plausibel...aber mir zu naiv. Hatte Truart Aktionen gegen die Heiden unternommen oder gebilligt? Schluss damit!
Ich setzte mich nach längerem Umhergehen endlich hin und begann, die mit Wasser gefüllten Glasphiolen an die Pfeilschäfte zu kleben. Es waren nicht mehr viele. Ich benutzte die Wasserpfeile damals nicht gerade häufig, aber die Grenze meiner Möglichkeiten wurde mir wieder einmal vor Augen geführt. Vielleicht wird die Materialbeschaffung nach Truarts Tod wieder einfacher, dachte ich. Nach einem kurzen erneuten Überfliegen meiner Probleme von vorher nützte mir der Gedanke aber auch nicht weiter. In der letzten Zeit hatte ich Angst...zumindest etwas. Nicht einmal die Hüter würden mich vor Attentätern schützen; das meiste wird ihnen wohl daran liegen, dass ich nicht selbst einer werde – und das Gleichgewicht störe.
Der Schlüsselbund, den ich bei Truarts Leiche gefunden hatte, gehörte zu Lieutenant Mosley von der Stadtwache. Doch warum sollte einer der Blauröcke, noch dazu ein ranghoher, den Sheriff umbringen? Ich beschloss zu überprüfen, ob sie wirklich der Täter war. Selbst wenn nicht, so muss sie doch in die Affäre verwickelt oder verwickelt worden sein.
Um meine finanzielle Absicherung wieder ein bisschen zu festigen, entschied ich mich, noch ein paar unvorsichtige Bürger zu bestrafen. Außerdem beruhigt die kühle Nachtluft. Meine Vorbereitungsprozedur führte ich schon lange halb mechanisch aus: Die Hose, Stiefel und den engen Waffenrock, darüber die Gugel; Dolch und Prügel in den Gürtel und dazu diverse Ledertaschen für den...»Ertrag«. Wahrlich – ich konnte meine Tätigkeit mit Humor betrachten. Besonders, wenn man vieles weiß, kann man sich viel amüsieren. Vielleicht machte ich das alles nur noch wegen Bestätigung meiner Fähigkeiten. Ich lachte mir ins Fäustchen... Den Bogen und das Schwert konnte ich getrost zu Hause lassen, da ich entsprechende Gefahren nicht erwartete und generell nicht auffallen wollte. Den dunkelbraunen Umhang warf ich zuletzt um und schloss ihn mit der Schlüsselfibel, die ich noch von meiner Zeit als Ministrant bei den Hütern hatte. Nicht nur Fähigkeiten, sondern auch brauchbare materielle Dinge haben mir die alten Männer überlassen. Ich verließ die Wohnung und trat in die enge Gasse. Der sichelförmige Mond schien fast so scharf, wie der kalte Wind pfiff und so die Pissrinnen nicht so ekelhaft stinken ließ. Die Hüter hatten nicht nur das Wissen über ihre Existenz, sondern auch das über allgemeinen Wohlstand herzlich wenig preisgegeben. Ihre Bauten waren sauber. Ah, schon wieder die Hüter! Irgendwie verfolgten sie mich, dass ich selbst gedanklich nicht mehr von ihnen wegkam. Ich musste kurz lachen und schaute mich gleich spöttisch-forschend um, sah aber niemanden. Garantiert waren sie woanders. Am Ende der ersten größeren Straße, die ich einschlug, war ein Händler oder Handwerker gerade damit beschäftigt, Säcke und Kisten in sein Haus zu tragen. Wir waren die einzigen beiden Menschen in der Nähe; nicht einmal die Blauröcke drehten ihre Runde. Ja, ich konnte mich noch amüsieren, zum Beispiel über den Glauben an eine sichere Stadt ohne Diebe, Hehler, Mörder oder korrupte Stadtwachen. Wenn ich nicht davon leben würde, wäre meine erste Handlung gewesen, diesen Kerl auf seine Dummheit hinzuweisen – nun würde ich dies indirekt tun. Ich schlich mich bis zur letzten Hausecke vor seiner Tür, aus der flackernder Fackelschein auf die Straße fiel. Keine Stimmen waren zu hören, also war das Gebäude leer...gut. Er brauchte für jede Ladung, die er nach drinnen trug, etwa zwanzig Schritte hin, dasselbe wieder zurück bis zum Stapel. Ich wartete, schlich dorthin und ergriff eine schmiedeeiserne Schere, die fast so lang wie mein Unterarm war; dann duckte ich mich seitlich hinter den Stapel. Als er sich wieder näherte, warf ich sie in flachem Bogen in den gegenüberliegenden Hof. Es schepperte kurz, dann wurde es still. Ich wagte es nicht, hochzusehen, sondern vertraute auf den Umhang. Plötzlich lief der Mann an der anderen Seite am Stapel vorbei und, langsamer werdend, in den Hof. Derweil hechtete ich auf leisen Sohlen in den nahesten schattigen Winkel in seinem Lagerraum. Auf den ersten Blick konnte ich sein Gewerbe nicht erkennen, aber das Wappen der Südöstlichen Gilde hing an einem Holzpfeiler und bestärkte mich in meinem Vorhaben. Gilden wurden vom Sheriff gefördert, bestimmt mit den Steuern, die er den wenigen Freien umso mehr »abnahm«. Leider konnte ich kein Kästchen oder eine abgelegte Geldkatze erkennen. Ich musste also warten. Nach einer Weile kam er wieder, murmelte unverständlich und begann wieder, die Säcke und Kisten hereinzuschleppen. Dabei kam er mir ab und zu gefährlich nahe, bemerkte aber nichts. Ich wurde allmählich unruhig. Keine Bewegungen, alle Körperreaktionen unterdrücken! schärfte ich mir ein. Etwas erleichtert sah ich dann, wie er einen größeren Lederbeutel – dem Geräusch nach voller Münzen – auf einen Arbeitstisch legte, genau am anderen Ende des Raumes, von meinem Versteck aus gesehen. Ich überlegte geschwind, schlich dann, während er zur nächsten Kiste schlurfte, an den Tisch, nahm den Beutel und wollte mich in einer dortigen Ecke verstecken, als mir ein Schauer über den Rücken lief: Es hatte geklingelt! Wie dumm warst du, Garrett! dachte ich. Grenzenlose Selbstüberschätzung! Der Mann legte den eben aufgehobenen Sack wieder hin und kam langsam in meine Richtung. Jeder seiner hölzernen Trippen-Schritte lies mich unmerklich zusammenzucken. Er sah mich an, oder zumindest in meine Ecke. Minuten schienen zu vergehen. Plötzlich drehte er den Kopf. Eine Katze sprang dort, wo ich vorher gehockt hatte, von einem Dachbalken herunter. Sofort ergriff ich einen Krug und warf ihn hinaus, hinter den Kistenstapel. Ungewöhnlich schnell stolperte der Mann, an dessen Gesicht ich mich wirklich nicht mehr erinnern kann, in Richtung des Geräusches von zerbrechendem Ton und ich nutzte diesen einen Augenblick und huschte an ihm vorbei, quer durch die Gassen. Ich rannte, so schnell ich konnte; hörte noch sein erstauntes sowie erschrockenes »He, halt! Was tut Ihr?«. Da war ich aber schon vier Gassen weiter und begann, in größerem Bogen nach Hause zu laufen. Ein Dieb in der Nachbarschaft – das merkt keiner. Die kommen alle aus der Stadtmitte, wo sie offenbar zusammen mit der Stadtwache ausgespuckt werden. Aber manchmal ist das einfache Volk für sein Nichtwissen auch zu beneiden. Manchmal wirklich. Und manchmal kann zu viel Wissen auch ins Auge gehen. Ich hasse diesen Spruch! Hätte ich damals den Erfinder davon getroffen, wäre ich zum Ritualmörder geworden, Hüter hin oder her! Doch da war es wärmer, da war ich wärmer. Nun beruhigte ich mich, beobachtete, wie wenige Augenblicke zuvor die Sterne und sog die kühle Nachtluft ein. Ich genehmigte mir einen gedankenfreien Heimweg...

Kurz bevor ich das Haus erreicht hatte, in dem sich mein gemietetes Zimmer befand, bog eine Patrouille in die Straße ein, auf der ich unkluger Weise ziemlich in der Mitte gelaufen war. Schnell hechtete ich in eine Aussparung zwischen den Häusern zu meiner Rechten. Die beiden Blauröcke blieben stehen. Ich schimpfte mich kurz einen Idioten, denn wie mir einfiel, wäre eine langsame Bewegung sehr viel weniger aufgefallen. Meine Konzentration war nun offenbar ebenfalls der allgemeinen Dekadenz unterworfen. Glücklicher Weise setzten sich die beiden Wachen – ein Schütze war dabei – bald wieder in Bewegung und nahmen ein zuvor unterbrochenes Gespräch wieder auf: »Nein, ich bin mir sicher, dass sie in ihrem Büro war. Einem der Botenjungen hat sie durch die Tür Anweisungen gegeben, als ich gerade in der Nähe war.« – »Du merkst doch aber auch selbst, dass sie etwas sonderbar ist...in letzter Zeit. Viele hatten doch auch plötzlich den Verdacht, sie könnte beteiligt sein.« Die beiden blieben kurz stehen und sahen sich an. »Weißt du, was nötig ist, um ins Schlafzimmer des Sheriffs zu kommen? Man braucht entweder die Gerissenheit eines guten Diebes oder einen hohen Grad. Wäre es aber einer der Offiziere oder Leutnants gewesen, wäre sie ja nicht für denjenigen verantwortlich. Schließlich müssten die höheren Tiere alle selbst denken können.«

Ich beschloss, den beiden zu folgen, was ja nicht sonderlich schwer schien, und hoffte, den Namen der ominösen »sie« zu hören. Wenn es wirklich Mosley war, meines Wissens nach die einzige weibliche hochrangige Stadtwache, hätte ich ein weiteres Mosaiksteinchen, dass ich in die Nähe ihres Schlüsselbundes rücken könnte. Wenn nicht, konnte es noch komplizierter werden. Vielleicht wäre ich aber auch eine in sich zerbrochene Stadtwache losgeworden und hätte mich vollständig auf meinen persönlichen Erzfeind konzentrieren können. Da diese zwei Wachmänner, offensichtlich Vertreter der intelligenteren Sorte, nun an mir vorbeigekommen waren, konnte ich die Stimmen auch den Personen zuordnen. Der Bogenschütze hatte vorhin die für Stadtwachenniveau grandiose Kombinationsgabe an den Tag – oder die Nacht – gelegt, der mit der Hellebarde schien die Stimmung in der Truppe gut zu kennen. Diese Möglichkeit durfte ich nicht verstreichen lassen – womöglich konnten sie mir mein Problem sofort lösen...vielleicht aber auch nicht. Der Hellebardier setzte fort: »Sie hat sich in letzter Zeit gegenüber Truart ziemlich kühl verhalten. Und die Blumen! Der Sheriff verhandelte mit den Mechanisten, was ein offenes Geheimnis ist, und sie verhält sich fast schon...heidnisch.« Der Schütze hatte gleich wieder einen Einwand: »Das darf sie. Ohne diese verfluchte Maschinisierung der Stadt würde das gar nicht auffallen! Und wie du schon sagtest, Truarts Geschäfte waren inoffiziell, vielleicht sogar gefährlich.« Er lies eine kurze Pause, um auf eine mögliche Verbindung zum Tod des Sheriffs hinzuweisen, dann fuhr er fort: »Wir können die üblichen Gefangenen ja nicht in die Engelwacht schleppen, geschweige denn nach Cragscleft!« – »Das meinte ich ja gar nicht. Ich wollte nur sagen...sie verhält sich wie jemand, der der Täter sein könnte, wie jemand, zu dem die Intrigennummer passen würde.«



Meine Erwartung verschärfte sich. In Shoalsgate war mir auch aufgefallen, dass Mosley viele Pflanzen im Raum stehen hatte. Sie musste der Gesprächskern dieser beiden mir fast schon sympathischen Kerle sein! Sonst musste ich anfangen, ehrlich zu leben, ich hätte meine alten Interessen an den Nagel gehängt – die Dietriche zuerst! Aber vorerst ging es weiter. Wieder brachte der Schütze nicht ganz beiläufig seine Ansicht ein: »Welche Intrigen soll es denn geben? Alle hohen Tiere in der Stadtwache sind doch über ihre Stelle froh, auch wenn Truarts Neuregelungen seltsam klingen. Und jemand, der die Korruption eindämmen wollte, würde doch nicht selbst hinten herum handeln.« – »Naja, wir werden morgen sehen. Wer übernimmt jetzt eigentlich den Oberbefehl? Mosley scheint ja nahe zu liegen, Hagen hat Schwierigkeiten...« – »Weiß ich auch nicht. Das weiß ich auch nicht.« Ich grinste triumphierend und folgte den beiden noch etwas, als plötzlich laute Rufe das ruhige Gespräch unterbrachen. Ein Mann lief der Patrouille entgegen, ich erkannte ihn als mein Opfer von vorhin. Ich hatte mich zu lange aufgehalten! Langsam machte ich kehrt und lief immer schnelle zu meiner Wohnung zurück. Die neuen Erkenntnisse stellten mich derart zufrieden, dass ich mir gönnen wollte, nach weiteren Überlegungen und Studien den nächsten Tag zu verschlafen. Zuvor mussten aber noch Nachrichten an meine Kontaktleute verteilt werden. Mosley stand unter meiner Aufsicht.



Am frühen Nachmittag wachte ich endlich auf und fühlte mich überraschend gut, wenn man mal vom chronischen Unwohlsein absah, denn die vorige Nacht hatte spät geendet. Nachdem ich Botschaften an alle fähigen Männer in den wichtigen Viertel gebracht hatte, verspürte ich noch den Drang, etwas zu lesen und hatte angefangen, ein Buch mit dem Titel »Der Menschen Umgang, Reaktion und Folgen bezüglich der politischen oder religiösen Macht« zu studieren. Es stammte übrigens aus der höheren Pflichtlektüre für angehende Hüter. Ich hatte es bei der letzten Einladung des Ordens eher aus Versehen mitgenommen, aber meine ehemaligen Lehrmeister, die dies ohne Zweifel gemerkt hatten, schienen das zu akzeptieren. Ich ging zu meinem geheimen Briefkasten, der Abgabestelle für alle Nachrichten aus der Unterwelt und sah die Rückmeldungen durch. neben ein paar unwichtigen waren auch zwei Mitteilungen dabei, die in etwa aussagten, dass sich Lt. Mosley heute ziemlich deutlich für einen dienstfreien Abend, den sie haben wollte, ausgesprochen habe, was entweder bedeutet, dass sie Ruhe benötigt oder, dass sie etwas vor hat. In beiden Fällen schien eine Observierung angebracht, sagte ich mir und suchte etwas zum Essen. Da mich weder trockener Teig (was man als Brot verkauft hatte) noch genauso trockener Schinken auf Dauer gesättigt hätten, beschloss ich, an meinen nachmittäglichen Spaziergang zum Nachrichtenaustausch noch ein paar Einkäufe anzuhängen...